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Totenschleuse

Totenschleuse

Titel: Totenschleuse
Autoren: Dietmar Lykk
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1.
     
    Eine tückische Nebeldecke waberte über dem Nord-Ostsee-Kanal. Für Augenblicke stocherte die Morgensonne mit fahlem Licht über dem Wasser, im nächsten Moment war Kanalfischer Höger froh, dass er den Bug seines Bootes noch sehen konnte.
    Ein Containerfrachter ragte durch Lücken im Nebel für Sekunden auf, eine graue haushohe Wand, wie eine dunkle Warnung. Im wabernden Nebel schien es, als dampften die vorbeiziehenden Schiffsleiber wie wütende Ungeheuer. Von hinten näherte sich das nächste Schiff, die Bugwelle schwermütig rauschend, die Maschine im Heck mahlte rasselnd, während Högers Außenbordmotor frech knatterte, wie ein kleiner Junge, der im Dunkeln pfeift, um sich Mut zu machen.
    Die Schiffe fuhren fast immer in Konvois von drei oder vier, je nach Größe. Das war ungefähr eine Schleusenkammerfüllung. Dann war fünfundvierzig Minuten Ruhe, bis die nächste Schleusenfüllung ihre Fahrt durch den Kanal antrat, nach Westen zur Schleuse Brunsbüttel oder nach Osten zur Schleuse Holtenau.
    In Fahrtrichtung hatte er jetzt zwischen zehn und fünfzig Meter Sicht. Es wäre nicht das erste Mal, dass ein Schiff durch Ruderschaden in die Kanalböschung fuhr. Die Bugwellen des Frachters neben ihm liefen quer zu seinem Kurs. Höger packte die Ruderpinne des Motors fester. Er beruhigte sich damit, dass er den kürzeren Bremsweg hatte und wendiger war.
    Er brauchte keine Markierungsboje, um seine Netze und Reusen zu finden. Er stoppte den Motor und ließ das Boot auslaufen, bis es genau an der richtigen Stelle stand. Der Fang war heute mager, gerade eine halbe Kiste Brassen und Zander.
    Die Reusen eine Seemeile weiter westwärts waren voll wie immer. Nicht von Speisefischen. Sondern von Wollhandkrabben. Als er zugreifen wollte, um die Reuse an Bord zu ziehen, fiel sein Blick auf ein Gewusel von Krabben in der Nähe des Ufers. Eine Reuse hatte er an dieser Stelle nicht gelegt. Dort stand zu viel Reet, das sich mit den Netzen verhaken konnte. Irgendetwas lag dicht unter der Wasseroberfläche, darauf krabbelten die Tiere herum. Er konnte hören, wie unzählige Wollhandkrabben aufgeregt mit den Scheren schnippten, die er trotz dicker Gummihandschuhe oft genug schmerzhaft hatte spüren müssen. Wollhandkrabben fraßen alles.
    Höger ruderte sich mit dem Hilfspaddel näher an das Fressgelage. Die Tiere schienen außer sich zu sein, das Wasser schäumte. Ein Gewimmel wie von den Larven im vergessenen Camembert unter der Hollywoodschaukel im Garten im vorigen Sommer.
    Wahrscheinlich war ein krankes Schaf in den Kanal gefallen und ertrunken. Vor über hundert Jahren soll ein Schweinswal es mal durch die Brunsbütteler Schleusen in den Kanal geschafft haben. Der war dann hier irgendwo verreckt.
    Er schlug mit dem Hilfspaddel auf die Krabben, aber die Tiere waren wie besessen. Sie »enterten« das Paddel und krabbelten auf Höger zu. Er schrie auf und warf das Paddel ins Wasser. In diesem Moment hob sich zwischen dem Gekrabbel etwas über die Wasserlinie. Es roch säuerlich. Ein paar Sekunden dauerte es, bis sein Verstand begriff, was er sah.
    Unter den schnappenden Zangen der Tiere sah er das Gesicht einer Wasserleiche.
     
    »Herr Höger, geben Sie uns doch mal einen Tipp, wie man die Viecher am besten da runterbekommt«, sagte Kommissar Malbek. Sie standen neben einem Bootssteg, auf der Nordseite des Kanals, dort, wo die Schirnau in den Kanal mündete. Im Westen stelzte die Kanalhochbrücke über die Rader Kanalinsel.
    Die Leiche lag im Reetsaum und schaukelte mit den Wollhandkrabben sanft auf den Wellen, die von den Schiffen an das Ufer geschickt wurden. Der Nebel hatte sich so weit gelichtet, dass man bis zur Kanalmitte sehen konnte.
    »Die fressen uns noch die Spuren weg«, sagte Kommissar Vehrs und trat ungeduldig von einem Bein aufs andere.
    »Anfassen und weit wegwerfen. Das ist alles«, bemerkte Höger.
    »Und wo fasst man die an?«, fragte Vehrs und sah angeekelt auf die Leiche.
    »Also mit einfachen Handschuhen geht das nicht, da beißen die mit ihren Scheren durch. So Dicke brauchen Sie, wie ich sie hab, hier. Aber gucken Sie nicht so gierig, meine gebe ich nicht weg, die brauch ich heute noch.« Höger lächelte spitzbübisch.
    »Gibt es einen speziellen Griff, damit die mit den Scheren nicht …?«, fragte Kommissar Harder.
    »Ja natürlich, hier …« Höger bückte sich in sein Boot, das am Ufer lag, und holte eine Wollhandkrabbe aus einer Kunststoffkiste. »… von der Seite, den Körper zwischen

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