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Totenklage

Totenklage

Titel: Totenklage
Autoren: Harry Bingham
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1
    Bewerbungsgespräch, Oktober 2006
    Durch das Fenster sehe ich drei Drachen, die im Himmel über dem Bute Park hängen. Blau, gelb und pink. Ihre Umrisse zeichnen sich gestochen scharf gegen den Himmel ab. Da ich die Leinen nicht erkennen kann, sieht es so aus, als würden sie sich aus eigenem Antrieb bewegen. Das gleißende Sonnenlicht hat jede Tiefe, jeden Schatten verschluckt.
    All dies beobachte ich, während ich darauf warte, dass Detective Chief Inspector Matthews die Unterlagen auf seinem Schreibtisch sortiert hat. Er legt die oberste Akte von dem Stapel vor sich auf einen Stuhl vor dem Fenster, was sein Büro nicht weniger chaotisch macht, aber zumindest kann ich ihn jetzt sehen.
    » Hier«, sagt er.
    Ich lächle.
    Er hält ein Blatt hoch. Die bedruckte Seite zeigt zu ihm, doch im Gegenlicht kann ich durch das Papier meinen Namen erkennen. Ich lächle noch einmal. Nicht, weil mir danach ist, sondern weil mir gerade nichts Vernünftiges einfällt, das ich sagen könnte. Das hier ist ein Bewerbungsgespräch. Derjenige, der das Gespräch führen soll, hat meinen Lebenslauf gefunden. Was erwartet er? Soll ich ihm applaudieren?
    Er legt den Lebenslauf auf den einzigen freien Platz auf dem Schreibtisch. Dann liest er ihn Zeile für Zeile durch und tippt mit dem Zeigefinger auf jeden Absatz, den er gerade beendet hat. Schulbildung. Studium. Bisherige Arbeitgeber. Hobbys.
    Sein Finger kehrt zur Mitte der Seite zurück. Studium.
    » Philosophie.«
    Ich nicke.
    » Warum sind wir hier? Was ist der Sinn des Lebens? Solche Sachen?«
    » Nicht unbedingt. Eher: Was existiert? Was existiert nicht? Woher wissen wir, ob etwas existiert oder nicht? Solche Sachen.«
    » Sehr nützlich für die Polizeiarbeit.«
    » Nicht unbedingt. Philosophie ist eigentlich zu gar nichts nutze, außer vielleicht, um Denken zu lernen.«
    Matthews ist ein stämmiger Mann. Nicht durchtrainiert, sondern von der irischen Sorte. Er ist auf gemütliche Weise muskulös, was auf Farmarbeit, Rugby und Bierkonsum schließen lässt. Er hat bemerkenswert blaue Augen und dickes dunkles Haar. Sogar seine Hände sind behaart, bis runter zum letzten Fingerglied. Er ist das genaue Gegenteil von mir.
    » Haben Sie eine einigermaßen realistische Vorstellung davon, was es bedeutet, bei der Polizei zu arbeiten?«
    Ich zucke mit den Schultern. Keine Ahnung. Woher soll ich das wissen, wenn ich es noch nie gemacht habe? Also sage ich das, was man in solchen Situationen eben so sagt. Ich bevorzuge diszipliniertes, methodisches Arbeiten. Eben das übliche Blabla – ein braves Mädchen in einem dunkelgrauen Bewerbungsgesprächskostüm, das genau das sagt, was es sagen soll.
    » Glauben Sie nicht, dass Ihnen dabei langweilig wird?«
    » Langweilig?« Ich seufze vor Erleichterung. Darauf wollte er also hinaus. » Vielleicht. Das hoffe ich. Ein bisschen Langeweile macht mir nichts aus.« Dann habe ich Angst, dass er mich für arrogant hält – preisgekrönte Cambridge-Absolventin macht sich über dummen Polizisten lustig –, und rudere schnell zurück. » Was ich damit sagen will, ist, nun, ich hab’s gern ordentlich. Punkte auf dem i, durchgestrichene t s. Mit Routinearbeit habe ich kein Problem, im Gegenteil.«
    Sein Zeigefinger liegt immer noch auf dem Lebenslauf, aber er ist ein paar Zentimeter höher gewandert. Schulbildung. Er lässt den Finger darauf ruhen und sieht mich mit seinen blauen Augen an. » Haben Sie noch Fragen?«
    Ich weiß, dass er das irgendwann sagen muss, doch für dieses Gespräch sind fünfundvierzig Minuten angesetzt, und davon sind höchstens zehn vergangen, und den Großteil davon habe ich damit verbracht, ihm beim Sortieren seiner Unterlagen zuzusehen. Aus Überraschung – und weil ich noch nicht so geübt in diesen Dingen bin – sage ich das Falsche.
    » Fragen? Nein.« Es entsteht eine kurze Pause, in der er verwundert guckt und ich mir wie ein Trottel vorkomme. » Also, ich will die Stelle, gar keine Frage.«
    Jetzt lächelt er. Ein echtes Lächeln, nicht vorgetäuscht wie meines.
    » Sie wollen also diese Stelle. Sie wollen sie tatsächlich.« Es ist eine Feststellung, keine Frage. Für einen Ermittler ist er nicht besonders gut im Fragenstellen. Ich nicke trotzdem.
    » Und es wäre Ihnen wahrscheinlich auch ganz recht, wenn ich diese Lücke von zwei Jahren in Ihrem Lebenslauf nicht anspreche – hier, gleich nach dem Abitur?«
    Ich nicke noch mal, langsamer. Ja, das wäre mir wirklich sehr recht.
    » Die Personalabteilung weiß

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