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Totenbeschwörung

Totenbeschwörung

Titel: Totenbeschwörung
Autoren: Brian Lumley
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vielleicht doch?
    Eine Halluzination? Hm, schon möglich. Es war nicht auszuschließen, dass sich jemand an ihn herangemacht, ihn mit Drogen vollgepumpt und ihm eine Gehirnwäsche verpasst hatte ... Aber wozu? Weshalb sollten sie ihn mitten in der Nacht hierher bringen? Und weshalb noch diese anderen Leute? Er dachte an die überzähligen Lichter dort oben, an den glänzend schwarzen MG Metro, der gerade am Straßenrand hielt, und den Mann auf der anderen Straßenseite – mit Sicherheit einer seiner Agenten – der durch den Regen auf den Hintereingang des E-Dezernats zurannte. Was hatten sie alle hier zu suchen?
    »Sir?« Eine junge Frau mühte sich steif und unbeholfen aus dem Metro. Es handelte sich um Anna Marie English, eine ESPerin des Dezernats. Sie hieß zwar English, war aber alles andere als eine englische oder sonst wie geartete Rose. Sie wirkte abgehetzt, blass und fade, ohne jeden Schick, eine herrenlose Katze, die der Regen durchnässte. Es lag an ihrem Talent. Das wusste Trask, und sie tat ihm leid. Sie war »ökologisch bewusst« beziehungsweise, wie sie selbst es für gewöhnlich darstellte, »eins mit der Erde«. Wenn irgendwo der Grundwasserspiegel sank und eine Wüste sich ausbreitete, trocknete auch ihre Haut aus und verlor alle Feuchtigkeit. Wenn der saure Regen sich in die skandinavischen Wälder fraß, rieselten ihr die Schuppen nur so vom Kopf, als würde es schneien. In ihren Träumen hörte sie die Trauergesänge der Wale, die davon handelten, dass sie immer weniger wurden und ihnen die Ausrottung unausweichlich bevorstand. Der Schmerz in ihren Knochen verriet ihr, wann die Japaner wieder Delfine abschlachteten. Sie war ein menschlicher Detektor und spürte illegalen Atommüll auf, registrierte, wenn Schadstoffe ausgestoßen wurden, und zuckte vor den Löchern, die in der Ozonschicht klafften, zurück wie ein Polyp in einem Korallenriff, den ein Taucher mit der Spitze seiner Harpune anstupst. Sie war eine »Ökopathin«. Sie fühlte mit der Erde, litt an allem, was dem Planeten widerfuhr, und im Gegensatz zum Rest der Menschheit war ihr klar, dass dies eines Tages auch für sie das Ende bedeuten würde.
    Trask blickte sie an. Sie war vierundzwanzig und sah aus wie fünfzig. Obwohl sie ihm leid tat, standen ihm paradoxerweise nur schroffe, ablehnende, beinahe missbilligende Begriffe zur Verfügung, um sie zu beschreiben: dicke Brillengläser, Leberflecken, ein Hörgerät, strähniges, ungekämmtes Haar, zerknitterte Bluse, X-Beine. Er wusste, dass er sie nicht mochte, weil sich der Niedergang der Welt in ihr spiegelte. Und hier war wiederum sein Talent am Werk. Ben Trask war ein menschlicher Lügendetektor. Er erkannte eine Lüge, wenn er eine sah, fühlte, hörte oder auf sonst eine Art wahrnahm, und empfand sie wie einen Schlag ins Gesicht. Umgekehrt musste er, wenn etwas ohne jeden Falsch war, anerkennen, dass es die Wahrheit war. Nur war Anna Marie Englishs Wahrheit unerträglich.
    Wenn Greenpeace über sie verfügen und die Welt dazu bringen könnte, ihr zu glauben, hätten sie mit ihrer Sache auf Anhieb gewonnen – zugleich allerdings auch verloren. Denn jeder würde davon ausgehen, dass es bereits zu spät sei. Doch Trask wusste, dass es sich nicht ganz so dramatisch verhielt. Die Welt war ein riesiges, zutiefst verwundetes Wesen, und Anna Marie English war ganz einfach zu klein, so viel Leid auf einmal zu ertragen. Doch während Anna Marie English beinahe unerträglich litt, würde die Erde es noch eine ganze Weile aushalten. So jedenfalls sah Trask die Angelegenheit. Er nahm an, das machte ihn zum Optimisten, was eigentlich ein Widerspruch in sich war.
    »Können Sie es sehen?«, fragte er. »Haben Sie eine Ahnung, was hier vorgeht?«
    Sie blickte ihn an und sah einen Mann Ende dreißig mit mausgrauem Haar und grünen Augen vor sich. Trask war etwas über einsfünfundsiebzig, hatte leichtes Übergewicht und hängende Schultern. Seinen Gesichtsausdruck konnte man nur als kummervoll bezeichnen. Möglicherweise lag das an seinem Talent. In einer Welt, in der die simple Wahrheit immer schwerer zu finden war, war es nicht leicht, ein Lügendetektor zu sein. Notlügen, Halbwahrheiten und faustdicke Lügen stürzten von allen Seiten auf ihn ein, bis er manchmal einfach nicht mehr hinsehen wollte.
    Doch Anna Marie English hatte ihre eigenen Probleme. Schließlich bewegte sie ihren tropfnassen Kopf und nickte. »Ich sehe es, ja. Aber fragen Sie mich nicht, worum es hier geht. Ich bin

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