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Tote lieben laenger

Tote lieben laenger

Titel: Tote lieben laenger
Autoren: Scott Nicholson
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TOTE LIEBEN LÄNGER

1.
    Das böse Erwachen kommt manchmal sehr langsam, geradezu zärtlich.
    Es lässt sogar noch länger auf sich warten, wenn man tot ist.
    Dann ist es auch völlig egal, ob man sich an der sonnigen Westküste befindet oder in einem Land, das so kalt und weiß ist, dass sich sogar die Engel davor fürchten, in den Schnee zu pissen. Vielleicht war dieser Ort hier der Himmel, wo niemals etwas passiert, oder falls doch, es sich andauernd wiederholt und sich wenig ändert außer dem immer höher werdenden Eintrittspreis. Wo immer ich auch gelandet war, es roch nicht nach Los Angeles, wo das böse Erwachen jeden Morgen in millionenfacher Ausführung anzutreffen ist und nach zwei Tassen Espresso auch nicht viel erträglicher wird.
    Es gelang mir, den Schlaf halbwegs abzuschütteln und mir darüber klar zu werden, dass ich in einem Wartesaal saß, auf einer Bank, die so hart war wie Granit. Meine Finger waren taub, mein Kopf aus Baumwolle und meine Lippen die Nähte eines Teddybären. Ich tippte auf einen weiteren Tequila Sunrise, aber normalerweise pflege ich nach einem Tänzchen mit José Cuervo allein aufzuwachen. Doch nun saß neben mir so ein Verlierer mit einem Lenkrad in der Brust und einem Gesicht, das aussah, als ob er sich beim Rasieren mit der Sense ziemlich ungeschickt angestellt hätte.
    "Weshalb bist du hier?" fragte er, ohne seinen Mund zu bewegen. Er hatte einen verlorenen Blick in seinen Augen, wie ein Kunde, der in der Spielzeugabteilung beim Weihnachtsgeschenkeinkauf den Kürzeren gezogen hat.
    "Hier? Ich weiß nicht. Ich kann mich nicht mal erinnern, durch die Tür gekommen zu sein." Ich schüttelte meinen Kopf, aber außer Spinnweben klapperte nichts. Gin Tonic, vielleicht. Billiges Zeug, aus der unteren Reihe im Regal. Bestimmt gibt es im Himmel genug davon.
    Er zog eine Grimasse, wobei sein Gesicht nasse Geräusche verursachte. "Ich meine, wie hat's dich erwischt?"
    Ich widmete mich der schlechten Kunst an der Wand. Wo war das grinsende böse Gesicht des Weihnachtsmanns geblieben? Soweit ich mich erinnern konnte, war der bärtige alte Knacker zuletzt überall um mich herum zu sehen gewesen. Auf Plakaten in den Schaufenstern und mit klingelnden Glöckchen in echt auf den Bürgersteigen, dutzende davon, eine Armee von diesen fetten kleinen Typen. Weihnachten hatte die Nachtclubs und die schäbigen Kneipen mit grünen Girlanden und roten Köpfen geschmückt.
    "Was willst du damit sagen?" fragte ich den Trottel.
    "Den Löffel abgeben, ins Gras beißen, das Zeitliche segnen, die Augen auf null stellen. Wie bist du gestorben , du Dummkopf?"
    Ich mochte es nicht, als Dummkopf bezeichnet zu werden. Aber ich hatte keine Gelegenheit, mich aufzuregen, weil ich zu sehr damit beschäftigt war, sein Gesicht als Beweisstück zu studieren. Eine vage Erinnerung kam in meinen Kopf geflogen, doch als ich sie fassen wollte, verflüchtigte sich der Gedanke wie Kunstschnee im Santa-Ana-Wind. Auf der anderen Seite des Raums saß eine Frau mit geschlossenen, eingesunkenen Augen, schwarz wie Gruftipudding. Haut hing ihr lose von den Wangen, und durch eine Kluft aus verrottetem Fleisch war ihr Schädelknochen zu sehen. Sie sah keinen Tag älter aus als 150. Ihr Leichenbestatter musste am Formaldehyd gespart haben.
    An der Wand über ihr befand sich eine Uhr, ein rundes Plastikteil wie in einer Grundschule in den fünfziger Jahren. Die beiden schwarzen Zeiger bewegten sich in entgegengesetzte Richtungen, während der rote Zeiger, mutmaßlich für die Sekundenanzeige zuständig, einen Schritt in Uhrzeigerrichtung vorzitterte, nur um daraufhin zwei Schritte zurück zu springen.
    Ich berührte mit meinen Händen mein Sakko und ließ meine Finger über den Tweed gleiten. Ich fand vier Löcher, unmittelbar über meinem Herzen – nicht, dass man mir oft vorgeworfen hätte, ich würde ein solches Organ besitzen. Ich steckte meinen kleinen Finger in eines der Löcher. Er ging durch den Stoff, und dann noch ein gutes Stück weiter.
    "Kugeln, hä?" fragte der Typ, der mit mir die Bank drückte. Er tippte an das Lenkrad, das seinen Brustkasten umstrukturiert hatte. "Dagegen ist so ein Autounfall Kleinkram."
    "Dieser Anzug hat mich hundert Mäuse gekostet."
    Er lachte, was ungefähr so klang, wie wenn man in einem Mixer einen Frosch ohne Eis zermahlt. "Keine Sorge. Die werden dich wirklich schön anziehen, bevor sie dich begraben. Du hättest mein Begräbnis sehen sollen. Die Schminke war so gut, dass mich meine Frau

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