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Tortenschlacht

Tortenschlacht

Titel: Tortenschlacht
Autoren: Oliver G Wachlin
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Kerl mit ganz besonderer Ausbildung. Nur die Fittesten kamen nach Prora, die Sportlichsten mit den stärksten Nerven.
    Und Boelter gehörte dazu. Mit knapp zwanzig Jahren schon hatten sie ihn in eine Propellermaschine gesetzt und ins Nirgendwo geflogen. Irgendwann in der Nacht musste er abspringen, über unbekanntem Gebiet hinein in die Dunkelheit. Auftrag war es, sich binnen acht Tagen zurück zur Truppe durchzuschlagen, egal wie – man durfte sich nur nicht erwischen lassen und musste unerkannt bleiben. Als es dämmerte, fand sich Boelter in der Nähe eines Dorfes wieder, und als er das erste Straßenschild sah, wusste er, dass sie ihn irgendwo über Polen abgesetzt hatten. Er stahl zwei Hühner, eine Flasche Wodka und einen Straßenatlas und schlug sich gut sechshundert Kilometer zur deutschen Grenze durch. Er durchschwamm die Oder, »lieh« sich einen Wagen und war nach fünf Tagen zurück in Prora. Fünf Tage, die ihn zum Mann gemacht hatten, zu einem Kerl, der überlebensfähig war – komme, was wolle. Boelter straffte sich und sah sein Gegenüber an.
    »Und wat passiert jetzt mit mir?«
    »Rühren Sie sich nicht von der Stelle!« Der Stasimann sah sich nachdenklich die Aktenordner durch. Dann klappte er den gelblichbeigen Deckel eines Apparates der Marke SECURA auf, der vor den Regalen stand, und legte die Akten routiniert und zügig Seite für Seite auf eine dunkle Glasplatte, die immer wieder aufblitzte. Gleichzeitig spuckte der Apparat seitlich bedruckte Blätter aus.
    Ein Vervielfältigungsapparat, staunte Boelter, der Kerl macht sich Abzüge von den Akten …
    »Welche Ordner brauchen Sie noch?«, erkundigte sich der Stasimann ruhig, während er die Ordner weiterfotokopierte.
    »Wat?« Boelter verstand nicht.
    »Sie sind doch nicht nur wegen dieses einen operativen Vorgangs hergekommen?«
    »Doch«, versicherte Boelter verwirrt, »Arndt, Jan Fridolin, Jahrgänge 60 bis 61, det war der Auftrag.«
    »Ehrlich?« Der Stasimann sah ihn skeptisch an und lächelte dann wie ein freundlicher Dienstleister. »Sie brauchen es nur zu sagen, wenn Sie noch weitere Akten suchen.«
    »N-nein«, stammelte Boelter, »nur diese beiden Ordner, bitte.«
    »Wie Sie wollen.« Der Stasimann fotokopierte weiter. »Dann muss Ihrem Auftraggeber ja einiges an diesen Vorgängen liegen, nicht wahr? Wenn er Ihnen zweitausend Westmark dafür zahlt?«
    »V-vermutlich.« Boelter zuckte mit den Schultern und sah zu, wie der Stapel Kopien weiter anwuchs. »Wie jesagt, ick weeß nicht, wer dahinter steckt.«
    »Schon gut, ich kann’s mir denken.« Der Stasimann sortierte die Originalakten wieder in die Ordner ein und gab sie Boelter zurück. »Hier! Und jetzt verschwinden Sie damit. Kein Wort von den Kopien, klar?«
    »Sie …«, Boelter starrte den Mann verblüfft an. »Sie lassen mich gehen?«
    »Kein Wort von den Kopien«, wiederholte der Stasimann eindringlich, »versprechen Sie mir das?«
    »P-pionierehrenwort«, versicherte Boelter und machte, dass er fortkam.
    Etwa dreieinhalb Stunden später stand er fröstelnd auf dem zugigen Alexanderplatz unter der Weltzeituhr. In Moskau war es schon bald Mitternacht, in New York dagegen erst halb vier am Nachmittag.
    Punkt einundzwanzig Uhr dreißig trat der geheimnisvolle Mann mit dem Borsalinohut auf Boelter zu. Und noch immer trug er eine Sonnenbrille.
    »Haben Sie die Akten?«
    »Aber sicher doch«, nickte Boelter und gab ihm die Ordner, »lief allet nach Plan.«
    Der Mann blätterte die Akten flüchtig durch. »Irgendwelche besonderen Vorkommnisse?«
    »Keene«, log Boelter, »hamse det Jeld?«
    »Tausendfünfhundert, wie abgemacht.« Er bekam einen dicken Umschlag in die Hand gedrückt. »Das war’s dann.«
    »Fein«, Boelter steckte das Geld ein und wollte sich noch für weitere »Spezialaufträge« empfehlen.
    Doch der geheimnisvolle Mann war bereits in der Dunkelheit verschwunden.
    2    ZUERST KAM DER Jägermeister. An jeder Ostkneipe pappte plötzlich die Reklame mit dem Hirschkopf, verdrängte den Fichtel-Wichtel, einen erzgebirgischen Kräuterlikör, und machte Schilkin Wodka, Wilthener Goldkrone und Nordhäuser Doppelkorn Konkurrenz.
    Dann kam die Deutsche Mark. Am ersten Juli 1990 lagen sich auf dem Berliner Alexanderplatz hunderttausende DDR -Bürger mit ihren neuen Geldscheinen in den Armen. Vom Dach des Interhotels »Stadt Berlin« dröhnte »Money, Money« von ABBA , trunkene Menschen besprühten sich ausgelassen mit Sekt und tanzten und feierten den Sieg des frei

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