Bücher online kostenlos Kostenlos Online Lesen
Tore in der Wüste

Tore in der Wüste

Titel: Tore in der Wüste
Autoren: Roger Zelazny
Ads
 
1
     
    So daliegend, die linke Hand auf einem Kissen, auf der schindelgedeckten Dachschräge, im Schatten des Giebels, hinaufstarrend zum wolkigen, blauen Meer des Nachmittagshimmels, schien ich, blinzelnd, über dem Campus und mir selbst, einen Schriftzug zu sehen.
    „KANNST DU MICH RIECHEN, DED?“ las ich.
    Ein kurzer Augenblick, dann war es vorüber. Ich zuckte die Achseln. Aber ich schnüffelte auch der lauen Brise nach, die schon Augenblicke zuvor verweht war.
    „Tut mir leid“, murmelte ich dem übernatürlichen Journalisten zu. „Keine speziellen Gerüche.“
    Dann gähnte ich und streckte mich. Ich hatte gedöst und einen flüchtigen Tagtraum erlebt, dachte ich. Daran lag es vermutlich auch, daß ich mich nicht daran erinnern konnte. Ich sah auf die Uhr. Wie sie mir sagte, würde ich zu meiner Verabredung zu spät kommen. Doch sie konnte falsch gehen. Tatsächlich tat sie das meistens.
    Ich schnellte vorwärts in einen Fünfundvierzig-Grad-Winkel, meine Fersen ruhten noch auf der Dachrinne, meine rechte Hand umklammerte den Giebel. Fünf Stockwerke unter mir bot die Landschaft den Anblick einer Studie in Betongrau und Grasgrün, mit Leuten, die sich langsam bewegten, sowie einer Fontäne, gleich einem Phallus, der an der Spitze zerbröselte. Hinter der Fontäne lag Jefferson Hall, und dort, im dritten Stock, befand sich das Büro meines derzeitigen Studienberaters, Dennis Wexroth. Ich klopfte gegen meine Hüfttasche. Die Ecke meines Schulausweises ragte immer noch heraus. Gut.
    Hineinzugehen, hinunterzugehen, hinüberzugehen und wieder hinaufzugehen schien eine schreckliche Zeitverschwendung zu sein, da ich doch bereits oben war. Aber es war, so sehr es auch im Widerspruch zur althergebrachten Tradition stand, meine persönliche Angewohnheit, kurz vor Sonnenuntergang noch viel zu klettern, zumal der Weg – da alle Gebäude miteinander verbunden waren – relativ einfach und ungefährlich war.
    Ich erklomm also den Giebel und von dort die Regenrinne. Ungefähr drei Fuß hinaus und sechs hinab, ein einfacher Sprung, und ich befand mich auf dem Flachdach der Bibliothek. Ich schritt über das Dach, dann um die Kamine einer ganzen Reihe zusammenhängender Wohnhäuser herum. Nach dem Passieren der Kapelle – in bester Quasimodo-Manier –, dieser Abschnitt war ein wenig schwierig, ging es einen Sims entlang, ein Abflußrohr hinunter zum nächsten Sims, über den großen Eichbaum und von dort zum letzten Sims. Exzellent! Ich hatte sechs oder sieben Minuten gespart, da war ich sicher.
    Und ich war ausgesprochen stolz auf mich, denn die Uhr an der Wand verriet mir, als ich durch das Fenster spähte, daß ich drei Minuten zu früh war.
    Mit offenem Mund und weit aufgerissenen Augen richtete Dennis Wexroths Kopf sich auf, wandte sich langsam um, lief dunkel an, dann zog er den Rest des Körpers in die Höhe, kam um den Schreibtisch herum und auf mich zu.
    Ich blickte gerade über meine Schulter zurück, um nachzusehen, was ihn so entsetzt hatte, als er das Fenster öffnete und sagte: „Mister Cassidy, was, zum Teufel, machen Sie da?“
    Ich wandte mich wieder um. Er umklammerte den Fenstersims, als ob dieser eine ungeheure Bedeutung für ihn hätte und ich ihn ihm wegnehmen wollte.
    „Ich warte darauf, mit Ihnen zu sprechen“, sagte ich. „Aber ich bin drei Minuten zu früh für unsere Verabredung, deshalb wollte ich noch warten.“
    „Nun, sie können gleich wieder hinuntergehen und so hereinkommen wie jeder andere …“ begann er. Dann: „Nein! Warten Sie!“ sagte er. „Das könnte mich bei irgend etwas zum Mittäter machen. Kommen sie herein!“
    Er trat beiseite, und ich stieg in das Zimmer. Obwohl ich mir die Hand an der Hose abwischte, wollte er meinen Handschlag nicht erwidern.
    Er wandte sich ab, ging zurück zu seinem Schreibtisch und setzte sich.
    „Es gibt hier eine Bestimmung gegen das Herumklettern auf den Dächern“, sagte er.
    „Ja“, sagte ich. „Aber das ist lediglich eine Formsache. Sie mußten sich einfach rechtlich absichern. Niemand kümmert sich darum …“
    „Sie“, sagte er kopfschüttelnd. „Sie sind der Grund für diese Bestimmung. Ich bin vielleicht neu hier, aber was Sie angeht, habe ich meine Hausaufgaben gemacht.“
    „Das ist wirklich nicht besonders wichtig“, sagte ich. „Solange ich diskret bin, kümmert es niemanden …“
    „Akrophilie!“ schnaubte er, wobei er den Ordner, der auf seinem Tisch lag, zuschlug. „Sie haben einmal eine verschrobene

Weitere Kostenlose Bücher

Papa ante Palma
Papa ante Palma von Stefan Keller