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Tony Mendez 02 - Eine verräterische Spur

Tony Mendez 02 - Eine verräterische Spur

Titel: Tony Mendez 02 - Eine verräterische Spur
Autoren: Tami Hoag
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1
    November 1986
    Das halb hinter großen Eichen verborgene Haus stand ein Stück von der Landstraße zurückversetzt auf dürrem, gelbem Rasen. Es war in einer Mischung verschiedener Stile gebaut – teils spanisch, teils Ranch-Style –, und der ehemals weiße Anstrich war so stark verwittert, dass es fast mit seiner natürlichen Umgebung verschmolz, so als hätte die Erde es hervorgetrieben und es würde genauso hierhergehören wie die hundertjährigen Bäume.
    Die Szenerie schien einem impressionistischen Landschaftsbild entlehnt: das goldene Gras, die dunkelgrünen Bäume, im Hintergrund die schwarz-lila Berge und der eisblaue Himmel mit den hingetupften rosafarbenen Wolkenbändern und schließlich im Vordergrund das kleine weiße Haus mit dem alten Ziegeldach. Jenseits der Berge versank die Sonne langsam im Meer. Der Tag schien einen Moment innezuhalten und sich an seiner eigenen Vollkommenheit zu ergötzen. Wie verzaubert lag die Landschaft in völliger Stille da.
    Nichts deutete auf das hin, was sich in dem Haus verbarg.
    Die Zufahrt bestand aus einem Schotterweg, in dessen Mitte Gras und Unkraut wucherten wie die Mähne eines Wildponys. Windschiefe Zäune in der Farbe von Treibholz grenzten den Weg gegen das Weideland ab, wo früher einmal Vieh und Pferde gegrast hatten.
    Ein Kombi, der seine besten Tage schon lange hinter sich hatte, war vor einem offenen Schuppen mit verrosteten Landmaschinen abgestellt. Vor der Veranda stand ein roter Spielzeuganhänger, in dem eine rot getigerte Plüschkatze saß und darauf wartete, herumkutschiert zu werden. Auf der Veranda spielten zwischen Töpfen mit vertrockneten Geranien und Küchenkräutern zwei Kätzchen Fangen. Eine andere stemmte sich gegen die Fliegengittertür und starrte ins Haus, dann gab sie ein lautes Maunzen von sich, machte einen Satz und rannte mit steil in die Höhe gerecktem Schwanz davon.
    Im Haus bewegte sich nichts außer ein paar Fliegen.
    Auf den Terrakotta-Fliesen in der Küche war ein grauenerregendes Stillleben ausgebreitet.
    Eine Frau lag tot da, ihre Haare umgaben ihren Kopf wie eine dunkle Wolke. Ihre Haut hatte die Farbe von Milch. Ihre Lippen waren rosenrot angemalt – so rot musste auch ihr Blut gewesen sein, als es aus den klaffenden Wunden floss.
    Sie lag da wie eine ausrangierte Puppe – zurechtgemacht, zerfetzt, beiseitegeworfen. Die braunen Augen trüb und starr.
    Neben ihr lag eine kleinere Puppe – ihr Kind –, den Kopf an ihre Schulter gelehnt, das Blut der Mutter auf dem Gesicht verschmiert.
    Die Fliegen brummten. Über der Spüle tickte die Wanduhr.
    Der Telefonhörer mit dem blutigen Abdruck einer Kinderhand baumelte knapp über dem Boden. Die letzten Worte, die jemand in die Sprechmuschel gesagt hatte, waren ein Flüstern gewesen, das noch immer in der Luft hing: »Mein Daddy hat meiner Mommy wehgetan …«

2
    »Das Opfer heißt Marissa Fordham, achtundzwanzig, alleinerziehend. Künstlerin.«
    Detective Tony Mendez ratterte die Daten herunter, als wäre er völlig ungerührt von dem, was er gerade in dem Haus gesehen hatte. Nichts hätte der Wahrheit ferner liegen können. Kurz nachdem er am Tatort angekommen war, hatte er sich entschuldigt und war aus der Fliegengittertür getreten, um sich unter einem der Bäume zu übergeben.
    Er war der Zweite am Tatort gewesen. Es war nur eine kurze Fahrt von seinem Haus bis hierher. Der Erste – ein junger Deputy – hatte sich unter demselben Baum übergeben. Mendez hatte noch nie so viel Blut gesehen. Der Geruch saß ihm in der Kehle wie eine Faust. Jedes Mal, wenn er die Augen schloss, sah er die Opfer wie Bilder aus einem Horrorfilm vor sich.
    Erneut stieg Übelkeit in ihm auf.
    »Du hast gesagt, dass es zwei Opfer gibt?«
    Vince Leone, neunundvierzig, ehemaliger Special Agent bei der legendären Behavioral Sciences Unit des FBI und davor Detective beim Chicagoer Morddezernat, war gerade am Tatort eingetroffen. Sie gingen langsam zum Haus und atmeten die kühle, eukalyptusgeschwängerte Luft.
    »Die vierjährige Tochter der Frau«, sagte Mendez. »Sie hatte nur noch einen schwachen Puls. Man bringt sie ins Krankenhaus. Ich glaube nicht, dass sie durchkommt.«
    Leone fluchte leise.
    Mit seinen knapp eins neunzig und den dichten, von grauen Strähnen durchzogenen schwarzen Haaren war er eine imposante Erscheinung. Ein Schnurrbart lenkte von der kleinen, glänzenden Narbe ab, die von der Eintrittsstelle der Kugel, an der er eigentlich hätte sterben müssen, zurückgeblieben

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