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Tom Thorne 02 - Die Tränen des Mörders

Titel: Tom Thorne 02 - Die Tränen des Mörders
Autoren: Mark Billingham
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200I
    Datum: 27. November
    Zielobjekt: weibl.
    Alter: 20-30
    Kontaktaufnahme: Londoner Bahnhof (außer- oder innerhalb des Gebäudes)
    Tatort: wird bekannt gegeben
    Methode: nur mit den Händen (Waffe im Notfall zulässig)
     
    Nicklin beobachtete mit unbewegter Miene, wie die beiden Hand in Hand quer durch die Bahnhofshalle auf ihn zukamen.
    Sie war perfekt.
    Er presste noch immer das Buch an sich, das er sich wahrscheinlich im Zug zu Gemüte geführt hatte, und sie schob sich den Rest ihres Sandwichs in den Mund. Die beiden unterhielten sich und lachten. Sie durchquerten die Halle zügig. Nicklin befand sich direkt in ihrer Blickrichtung, doch sie sahen ihn nicht. Sie hielten nach niemandem Ausschau. Sie erwarteten nicht, abgeholt zu werden.
    Er saß auf seiner Bank, nippte an seiner Coladose und sah alle paar Minuten hinüber zur Abfahrtsanzeigetafel. Einer dieser frustrierten Reisenden, die die Verspätungen im Blick behielten. Er drehte den Kopf und sah ihnen nach, als sie an ihm vorüberkamen. Wahrscheinlich waren sie auf dem Weg zu einem Taxi, zum Bus oder zur U-Bahn. Falls sie sich ein Taxi nahmen, würde er sich zurücklehnen und auf jemand anders warten. Ärgerlich, aber kein Weltuntergang. Falls sie ihre Reise jedoch mit öffentlichen Verkehrsmitteln fortsetzten, würde er sich an ihre Fersen heften.
    Er hatte Glück.
    Sie hielten sich noch immer an den Händen, als sie auf die Rolltreppe stiegen, die sie nach unten zur U-Bahn bringen würde. Nicklin stellte die halb leere Dose neben sich auf den Boden und stand auf. Dabei hörte er sein Knie laut knacken. Er lächelte. Er wurde nicht jünger.
    Er fasste in seine Tasche, um nach dem Schokoriegel zu kramen, den er gekauft hatte. Nachdem er das Messer zur Seite geschoben hatte, zog er den Riegel heraus und fing an, ihn auf dem Weg zur Rolltreppe aus dem Papier zu schälen. Als er sich hinter einem Rucksacktouristen auf die Treppe stellte, nahm er einen großen Bissen. Er vergewisserte sich, dass die beiden noch da waren, knapp zehn Meter unter ihm, und warf einen Blick durch die riesigen Fenster auf den Busbahnhof. Die Leute wurden merklich weniger, die Stoßzeit war so gut wie vorüber.
    Es begann gerade dunkel zu werden. Auf den Straßen und in den Häusern.
    In den Köpfen der Leute.
    Sie nahmen die Northern Line in Richtung Süden. Er entschied sich für einen Sitz ein paar Plätze hinter ihnen und beobachtete sie. Sie war vermutlich Anfang dreißig. Groß, dunkle Haare, dunkle Augen und ein olivfarbener Teint. So nannte man das wohl, vermutete Nicklin. Seine Mum hätte dazu gesagt, die sei »dem Kaminkehrer zu nahe gekommen«. Sie war nicht hübsch, aber auch keine Vogelscheuche.
    Nicht, dass es darauf angekommen wäre.
    Der Zug fuhr durch das West End und weiter Richtung Süden. Wahrscheinlich Clapham oder Tooting. Wohin auch immer …
    Die beiden hingen schon wieder aneinander. Er sah noch immer in sein Buch, wobei er alle paar Sekunden aufblickte und sie angrinste. Sie drückte seine Hand und beugte sich tatsächlich ein paar Mal über ihn, um seinen Nacken zu küssen. Die umsitzenden Fahrgäste lächelten kopfschüttelnd.
    Er spürte, wie sich auf seiner Stirn kleine Schweißperlen bildeten, und roch diesen feuchten Kellergeruch, der stets so überwältigend, so scharf und beißend wurde, wenn er kurz davor war.
    Als der Zug in den Bahnhof von Balham einfuhr, standen sie auf.
    Er sah ihnen zu, wie sie kichernd aus dem Zug sprangen, und wartete ein oder zwei Sekunden, bevor er ihnen folgte.
    Um sicherzugehen, blieb er hinter ihnen zurück, doch sie waren so mit sich selbst beschäftigt, dass er wahrscheinlich an ihrem Rücken hätte kleben können. Ohne die Welt um sich herum wahrzunehmen, trieben sie auf den Ausgang zu. Sie trug einen langen grünen Mantel und Stiefeletten. Er trug einen blauen Anorak und hatte eine Wollmütze auf.
    Nicklin war in einen langen schwarzen Mantel mit tiefen Taschen gehüllt.
    Vor ihm auf der Straße mit der grellen Weihnachtsbeleuchtung hoben sie sich scherenschnittartig vor einem blutroten Himmel ab. Ihm war klar, das war eines dieser Bilder, an die er sich erinnern würde. Natürlich gäbe es noch andere.
    Sie liefen an einer Reihe von Geschäften vorbei, und er musste gegen den Drang ankämpfen, in den nächsten Zeitschriftenladen zu stürmen, um noch etwas Schokolade zu kaufen. Er hatte nur noch einen Riegel übrig. Sicher, er konnte in ein paar Sekunden drinnen und wieder draußen sein, doch er wollte nicht das

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