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Tohuwabohu

Tohuwabohu

Titel: Tohuwabohu
Autoren: Tom Sharpe
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Kapitel 1
    Piemburg ist eine einzige Täuschung. Nichts an dem Ort ist genau das, was es zu sein scheint. Zwischen die Ausläufer der Drakensberge gedrängt und an den Fuß eines stattlichen Hügels mit flacher Kuppe geduckt, besitzt es nur wenige Merkmale einer Hauptstadt. Reisende, deren Züge nach Johannesburg manchmal notgedrungen unter dem rostenden Blechornament seines Bahnhofsdaches halten oder die auf der Autobahn daran vorbeiflitzen, können ein winziges Städtchen erblicken, das wie tot und einbalsamiert wirkt. Und Piemburg ist, wie man allgemein hört, tatsächlich tot. Ein verschlafener Winkel wird es genannt, und ein amerikanischer Besucher soll beim Anblick von Piemburg gesagt haben: »Halb so groß wie der New Yorker Friedhof und zweimal so tot.« Und ganz unbestreitbar scheint auf den ersten Blick absolut kein Leben in der Stadt zu herrschen. Sie liegt unter der afrikanischen Sonne in ihr Tal geschmiegt und schläft. Ihre roten Eisendächer und schmiedeeisernen Balkone zeugen von einer fernen Zeit längst vergessenen Unternehmungsgeistes. Ihre Straßen säumen Jacarandabäume, und in ihren Gärten prangen blühende, dunkle Veranden. Alles wächst augenblicklich und hört fast genauso augenblicklich wieder auf zu wachsen. Die Zeit und das Klima vereinigen sich zu üppigem Wachstum und zu seinem Gegenteil. Und Piemburg wuchs mit seiner Garnison, und beim Abzug der Garnison legte es sich zum Sterben hin. Oder vielmehr zum Schlafen. Als Hauptstadt von Zululand war es nach der Unterwerfung des Volks der Zulus durch das britische Empire aufgeblüht. Im ersten Rausch dieses gefeierten Sieges wurde Piemburg, damals eine winzige Siedlung, die von ihren afrikaansen Gründern längst verlassen worden war, zur Hauptstadt gemacht. Bürgerhäuser breiteten sich geradezu epidemisch in Gestalt von Säulenhallen und rotem viktorianischem Backstein aus. In der Villa des Gouverneurs funkelten italienische Marmorböden, venezianisches Glas und all die Ingredienzien imperialen Glanzes. Der Bahnhof, ein Ausbund an Metallverzierungen und Fayencen, stellte den angemessenen Zwischenhalt für die Züge des Vizekönigs dar, die auf ihrem Weg zu ferneren und weniger attraktiven Besitzungen des Empires im Hinterland von Afrika durch Piemburg kamen. Und als die großen Dampfmaschinen die kurvenreiche Steigung zum Kaiserblick hinaufpusteten, dem Berg über Piemburg, und ihre edle Last zu einem frühen Tod durch Tsetsefliege oder Malariamoskito trugen, da blickten monokel- und schnurrbartgeschmückte Herren heiter hinab auf die Hauptstadt von Zululand und murmelten: »Ein Kleinod, ein Juwel in einem grünen und gelben Ring.« Und dann wandten sie sich wieder um und studierten die durch und durch fehlerhaften Generalstabskarten ihrer neuen Territorien. Piemburg grüßte ihre Vorbeifahrt mit einer Ansprache des Gouverneurs auf dem Bahnsteig und einem Austausch diplomatischer Floskeln, die von der Militärkapelle, die unter dem Eisendach spielte, übertönt wurden. Und ein paar Monate später erwies ihnen Piemburg von neuem alle Hochachtung, als der vizekönigliche Sarg in einem schwarz ausgeschlagenen Waggon, von einer mit Girlanden dekorierten Lokomotive gezogen, für einen Augenblick anhielt und die Kapelle einen Trauermarsch mit einem Eifer intonierte, daß die Beileidsworte, die der Gouverneur an den Adjutanten richtete, wieder nicht zu hören waren. Und in den Zeiten zwischen imperialem Vormarsch und imperialem Rückzug schmückte sich die Hauptstadt von Zululand mit neuen Musikpavillons und botanischen Gärten und den Amüsements einer winzigen Metropole. In Fort Rapier hallte der große Paradeplatz von den gebellten Befehlen der Feldwebel wider. Tausende von Beinen in Wickelgamaschen stampften auf den Boden oder machten kehrt, und die funkelnden Bajonette wirbelten von links nach rechts und von rechts nach links über den sonnenbeschienenen Platz. In der Stadt waren die Straßen gespickt voll mit gewichsten Schnurrbärten. Lederweiß und Messingputzmittel standen ganz oben auf der Liste der Bedarfsartikel des täglichen Lebens. Im Hotel Imperial verrannen die Morgen und die Nachmittage sanft zwischen Topfpflanzen und Korbsesseln zur Musik eines Palmenhausorchesters. Koppel mit Schulterriemen und Fischbein-Taillen schnürten die Offiziere und ihre Gattinnen ein, die dem Wimmern der Geigen lauschten und sich mit dankbarer Wehmut Englands Grafschaften und Kirchsprengel in Erinnerung riefen. Viele kehrten nicht dorthin zurück, und

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