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Tödliches Rätsel

Tödliches Rätsel

Titel: Tödliches Rätsel
Autoren: Paul C. Doherty
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    Edwin Chapler, Schreiber in der Kanzlei vom Grünen Wachs, saß in der kleinen, muffigen Kapelle, die mitten auf der London Bridge stand. Draußen war die Sonne untergegangen, aber der Himmel war noch blutrot. So leuchteten die Sterne nur blaß, und die Einwohner von London hatten einen Vorwand, weiter Handel zu treiben, zu spielen oder Arm in Arm am Flußufer entlangzuspazieren. Schenken und Herbergen waren voll. Die Lieder aus den Bierkneipen hallten durch das Gewirr der Straßen. Leiden und Hunger des Winters waren jetzt vergessen; die Ernte war gut gewesen, und auf den Märkten herrschte geschäftiges Treiben. Edwin Chapler aber war das Herz schwer, und so würde es jedem Mann ergehen, wenn er der Wahrheit ins Auge schauen müßte und sie doch niemandem erzählen könnte. Er schaute sich in der Kapelle um. Am vorderen Ende war der kleine Chor, zur Linken stand ein Marienaltar und zur Rechten eine große Statue von St. Thomas à Becket, dem ein Schwert grotesk in den Schädel getrieben war.
    »Ich sollte im >Bäckerdutzend< sitzen«, flüsterte Chapler. »Sollte einem Fiedler zuhören und mich fragen, ob Alison wohl zu seiner Musik tanzen könnte.«
    Er war hergekommen, wie er es oft tat — um Anleitung zu suchen. Aber er konnte nicht beten. Er öffnete den Mund, doch es kam kein Wort heraus. Er schaute hinauf zu dem buntbemalten Glasfenster. Im rasch verblassenden Licht des Tages wand sich der gemarterte Christus an seinem Kreuz.
    Chapler wandte den Blick wieder ab. Hier drin war es kalt, und er war ganz allein; es könnte noch Tage dauern, bis er endlich einen Entschluß faßte. Lautloses Grauen ergriff ihn. Wenn er nun gar nichts unternähme und es entdeckt würde? Chapler schluckte angestrengt. Vor zwei Sommern hatte er gesehen, wie ein Mann wegen Verrats hingerichtet wurde, ein Schreiber, der Geheimnisse an die Spanier verkauft hatte. Chapler schloß die Augen, aber die grausige Szene wollte nicht vergehen: die schwarz verhangene Plattform, die Fleischbank unter dem hoch aufragenden Galgen in Tyburn. Man hatte den unglückseligen Schreiber abgeschnitten und von der Gurgel bis zum Unterleib aufgeschlitzt, wie eine Hausfrau es mit einem Huhn macht. Dann hatte man ihm den Kopf abgehackt und den Leib gevierteilt, um ihn in Pech zu kochen und über dem Stadttor zur Schau zu stellen.
    Fröstelnd spähte Chapler durch das Halbdunkel. Die beiden Kerzen, die er vor der Figur des Hl. Thomas angezündet hatte, glühten wie feurige Augen. Dunkelheit drängte herein. Chapler hatte das Gefühl, daß eine böse Macht in der Nähe lauerte, bereit, ihn anzuspringen wie eine monströse Katze. Die donnernden Hufe eines Pferdes draußen ließen ihn zusammenfahren. Chapler erinnerte sich, weshalb er hier war. Man hatte ihn hinreichend davor gewarnt, den Mund aufzumachen. Er war in den Stall gekommen, und sein Pferd hatte sich in Schmerzen gewunden. Ein mitfühlender Stallknecht hatte sich bereitgefunden, das Tier von seinem Leiden zu erlösen. Als man den Kadaver zum Abdecker geschleift und den Bauch aufgeschnitten hatte, da hatte man darin nicht Heu und Stroh, sondern Angelhaken und stachlige Distelblätter gefunden. Chapler hatte sich beschwert, aber der Wirt mit dem fettglänzenden Gesicht, dem der Stall gehörte, hatte nur die Achseln gezuckt.
    »Gebt mir nicht die Schuld!« hatte er geblafft. »Die Pferde sind hier gut versorgt. Seht Euch um, Meister, seht Euch nur um! Weshalb, um Himmels willen, sollten wir ein armes Pferd mit Angelhaken und Disteln füttern?«
    Chapler hatte ihm beigepflichtet und war weggegangen. Ein Feind hatte es getan. Wieder schloß er die Augen und ballte die Fäuste, als er neben dem Pfeiler niederkniete. Ein Geräusch über ihm ließ ihn zusammenschrecken. Entsetzt riß er die Augen auf, als er die schwarze Gestalt erblickte, die unter den wuchtigen Deckenbalken schwebte. Angstvoll stöhnte er auf. Ein Dämon? Eine finstere Seele, die ihn jagte? Der schwarze Schatten kehrte um, und fedrige Schwingen schlugen sanft durch die Luft. Chapler entspannte sich: Es war nur ein Rabe, einer der großen schwarzen Vögel, welche die London Bridge heimsuchten und auf den Pfeilersockeln unten nach Aas stöberten oder — noch besser — auf die abgeschlagenen Köpfe von Verbrechern und Verrätern warteten, die hier auf Stangen gesteckt wurden. Anscheinend war der Rabe hier hereingeflogen und fand den Ausgang nicht mehr. Chapler beobachtete ihn neugierig. Der Vogel krächzte nicht, sondern flatterte auf

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