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Tödliches Orakel

Tödliches Orakel

Titel: Tödliches Orakel
Autoren: Tina Sabalat
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hatte, es tun zu müssen. Damit akzeptierte er meinen Glauben, akzeptierte er das Schicksal. Akzeptierte mich.
     
    ***
     
    Als Sam wieder kam, hatte er zwei Pizzakartons unter dem Arm. Er rückte sich die andere Liege näher heran, holte ein Messer aus der Küche, eine Flasche Weißwein und zwei Rotweingläser. Er gab mir ein Glas und wartete, bis ich einen Schluck getrunken hatte, dann wechselte er das Glas gegen ein Stück Pizza mit einer Scheibe Aubergine aus.
    »Bist du Vegetarierin?«, fragte er, ich schüttelte den Kopf.
    »Die andere Pizza ist Salami.«
    Ich biss ab, sah ihn im Augenwinkel nicken, als erfreue ihn dieser Anblick. Er nahm ein Stück mit Gemüse und eins mit Salami, legte sie wie zwei Brotscheiben übereinander und schlang sie hinunter.
    »Ich war noch in der Redaktion«, sagte Sam, als sein Mund wieder frei war.
    »Warum?«
    »Ich hab unserem Osteuropa-Korrespondenten dieses Telefonat von der CD gegeben. Habe ihm gesagt, ich hätte das von einem Freund, der nicht genannt werden wolle.«
    Ich wartete, bis Sam einen Schluck Wein getrunken hatte.
    »Er glaubt, er kennt den Mann, der die Liste durchgibt. Kein Politiker, jemand aus dem Polizei-Apparat. Fungiert als Sicherheitsberater des Präsidenten. Sieht auf Fotos aus wie ein Manager, und ist ein Riesenarschloch. Iss, es wird kalt.«
    Ich biss noch einmal ab, legte die Pizza dann zurück in die Schachtel.
    »Er wird es veröffentlichen. Wird ein bisschen Theater machen, ein oder zwei Artikel schreiben, das Ding einmal durchs Internet jagen. Das ist gut«, fügte Sam hinzu, als ich nicht reagierte, und ich wiederholte meine Frage von eben.
    »Warum?«
    »Weil die Datei auf der CD jetzt kein Einzelstück mehr ist. Wenn sie im Internet ist, multipliziert sie sich. Du kannst eine einzelne CD finden und zerstören, aber du kannst nicht tausende von Dateien auf der ganzen Welt aufspüren und löschen. Und die Leute, die sie gehört haben, töten. Das ist wie bei einem Schwarm Fische: Wenn es viele gibt, schützt das Ganze das Einzelne und das Einzelne das Ganze.«
    »Sie wollten auch mich«, sagte ich, »nicht nur die CD.«
    »Ja«, erwiderte Sam, und seine Stimme hatte dabei ein wenig von der Gewissheit verloren, mit der er zuvor gesprochen hatte. »Dagegen kann ich nichts machen. Dich kann ich nicht in einen Schwarm verwandeln.«
    »Also warte ich, bis der große Unbekannte andere Leute schickt, um mich zu holen.«
    »Wenn der große Unbekannte der Typ von der CD ist, hat der jetzt anderes zu tun, als dich zu suchen. Und er braucht dich gar nicht mehr: Sein Anwalt kann ihm auch sagen, dass seine Zukunft nicht gerade rosig aussehen dürfte.«
    »Und wenn es ihm scheißegal ist, was in einer deutschen Zeitung über irgendein Telefonat steht, das er vielleicht mal geführt hat? Wenn es ihm am Arsch vorbeigeht, welche Datei du zu einem Schwarm gemacht hast?«
    Sam zog eine Augenbraue hoch, als er mich fluchen hörte, ließ das jedoch unkommentiert.
    »Wenn das so ist, dann wird er dich suchen«, sagte er stattdessen. »Wenn er verstanden hat, dass sein Mordgeselle tot ist. Er wird dich suchen, aber er muss dich ja nicht finden. Wir montieren das Fußpflege-Schild da vorne ab, und schon weiß keiner mehr, dass du hier warst.«
    Das war ein Scherz, aber mir war nicht nach Lachen.
    »Das dürfte nicht reichen«, sagte ich, Sam zögerte, dann sah ich ihn in meinem Augenwinkel nicken.
    »Nein. Du musst hier weg.«
    Ich blickte auf den nagelneuen Pool.
    »Ich werde nicht gehen. Das hier ist mein Haus. Und ich weiß uns beide zu verteidigen.«
    Sam zuckte zusammen, als ich diese doch eigentlich beruhigenden Worte sprach. Mein Blick fand seine Augen, und ich sah einen Schimmer darin, den ich erst nicht verstand, dann aber als Angst interpretierte. Vor mir? Vor dem, was ich getan hatte? Nein, eher vor dem, was ich vermochte, still und leise und von innen. Und wovon ich ihm sonst noch nichts erzählt hatte. Mich kitzelte ein wissendes Lächeln im Mundwinkel, aber ich schluckte es mit ein wenig Wein hinunter.
    »Dein Haus und dein Pool«, summierte Sam, als hätte es diesen Moment der Furcht nicht gegeben.
    »Ja.«
    »Es muss aber sein. Wir packen ein paar Sachen ein und verschwinden. Lass uns zum Fujiyama fahren und ihn ein paar Monate lang betrachten. Oder besteigen, was du möchtest. Dann kommen wir zurück, und alles ist wieder gut.«
    »Nein.«
    »Pythia, bitte …«
    »Nenn mich nicht so«, unterbrach ich ihn. »Das ist kein Name. Das bin nicht ich, das ist

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