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Tödliches Orakel

Tödliches Orakel

Titel: Tödliches Orakel
Autoren: Tina Sabalat
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kälter, je größer sie wurde, und durch sie wurde klarer, was ich tun konnte, was ich sogar tun musste. Wenn ich überleben und auch Sam lebendig aus dieser Wohnung herausbringen wollte.
    Meine Pistole drückte sich hart gegen mein Rückgrat, aber sie war keine Option: Dieser Mann war ein Killer, die Waffe sein alltäglichstes Werkzeug, sein Zeigefinger weitaus schneller und entschlossener als meiner. Nein, die Waffe war seine Methode, ich hatte eine andere. Aber wenn ich sie benutzen wollte, zum ersten Mal absichtlich und bewusst, galt es vorher, eine Antwort zu geben auf eine Frage, die zu finden ich Sam ebenfalls schon einmal aufgetragen hatte: die Frage aller Fragen, die Mutter aller Fragen.
     
    ***
     
    Glaubte ich an das, was ich konnte? Ja. Natürlich, denn ich hatte bewiesen, dass ich die Zukunft sehen konnte, hunderte Male schon. Ich hatte große und kleine Dinge vorhergesagt, und sie alle waren wahr geworden. Ich hatte das Leben von anderen gesehen, und ich hatte mein eigenes Leben gesehen. In Frau Berger, in Oleg, in Sam. Bislang hatte es an diesem Glauben nie gemangelt, und ich hatte ihn nie angezweifelt. Warum auch? Ich hatte lediglich genug glauben müssen, um von meinen Kunden diese Gebühr einfordern zu können. Um meine Termine so exklusiv zu verteilen. Um das, was ich gesehen hatte, mit fester Stimme aussprechen zu können. Nein, mehr Glaube war nie nötig gewesen. Bis jetzt. Dabei war es gar nichts Neues, was ich sah, streng genommen. Doch was vorher graue Theorie gewesen war, getrennt von der Realität durch Tage, die noch zwischen dem damaligen Jetzt und dem drohenden Todestag am 10. August gelegen hatten, war jetzt … ja, eben jetzt. Es würde passieren, und zwar gleich und hier. Es war das, wovor ich gewarnt hatte, wovor ich Sam und mich hatte bewahren wollen.
    Ich versuchte, einen klaren Gedanken zu fassen, nein, mehr noch: Ich versuchte, einen Entschluss zu fassen, so wie ich es Sam immer aufgetragen hatte. Triff eine Entscheidung, beschließe, was du tun willst, nimm es dir fest vor und versuche so, die Zukunft zu ändern. Aber wie viel Zeit blieb mir? Nicht viel. Mehr als diesen einen Blick würde der Mann mir nicht gewähren, vielleicht würde ihm auch dieses Sehen schon bald zulange dauern. Er musste sich nur diese Strickmütze über das Gesicht ziehen, und schon stände ich wieder in dieser stinkenden Wohnung, Angesicht zu Angesicht mit dieser Waffe.
    Ich atmete ein, atmete aus und stellte mir noch einmal die Frage der Fragen: die Frage nach dem Glauben. Ich fragte mich, ob ich so sehr an das glaubte, was ich konnte, dass ich bereit war, auf diesen Glauben hin … zu töten. Einen Menschen zu töten, von dem ich gesehen hatte, dass er einen Mord begehen würde - und zwar, bevor er diesen Mord tatsächlich begehen konnte. Konnte ich also töten, um ein Töten zu verhindern, dass erst in der Zukunft geschehen würde?
    Ich dachte an die Male, an denen sich die Zukunft verändert hatte, bevor sie so hatte wahr werden können, wie ich sie gesehen hatte. Weil ich meine Vision schlecht erzählt hatte, weil ich Einfluss genommen hatte. Und ich dachte an die Male, wo ich selbst versucht hatte, die Zukunft zu ändern, und sie sich doch nicht hatte ändern lassen. Weil sie ein störrisches Biest war, eigensinnig und gemein. Wie ich. Weshalb sie sich vielleicht mich als ihre Botschafterin ausgesucht hatte. Ja, manchmal wollte sie, dass es kam, wie es kommen musste. Wie bei dem Kuss, den Sam mir hatte geben sollen, als ich ihn aus dem Sturm rein geholt hatte. Und wie bei den Schüssen, die in dieser Wohnung fallen sollten. Die einen Menschen fällen sollten.
    Ich nickte, selbstvergessen. Ich würde es nicht ändern können, wenn das Schicksal es so wollte. Wenn ein Mensch sterben musste, hier und heute, dann musste es so sein. Und damit lautete die Antwort auf die Frage aller Fragen: Ja, ich glaubte. Nicht an mich, sondern an die Zukunft. An das Schicksal und den Weg, den es nehmen wollte. Im Geiste ballte ich meine Hand zur Faust, holte aus und rammte sie dem Mann mit aller Kraft von innen in den Magen. Ich hörte das Keuchen, mit dem es ihm die Luft aus den Lungen presste, als der unerwartete Schmerz seinen Körper erschütterte. Ich spürte die Bewegung wie in einem rasch hinab fahrenden Aufzug, als er in die Knie sank, hörte auch das Krachen, als die schwere Waffe aus seiner Hand glitt und auf den Boden polterte, aber ich wusste, dass das nicht genug war. Nein, es würde nicht ausreichen,

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