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Tödliches Orakel

Tödliches Orakel

Titel: Tödliches Orakel
Autoren: Tina Sabalat
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ich in mein Mikrofon, die schlanke Gestalt erstarrte und wandte suchend den Kopf, als die Lautsprecher meine Bitte diffus durch den Raum schwingen ließen.
    »Sie sehen mich auf dem Monitor, der auf dem Tisch vor dem Sofa steht«, half ich Sam.
    Er stellte das Buch zurück und setzte sich. Auf dem Bildschirm sah er mich vom Kopf bis zu den Schultern, im Hintergrund eine weiße Wand. Ein Lächeln schmückte mein Gesicht, aber nicht irgendeins: Es war das für Kunden reservierte Lächeln, das ich stundenlang vor dem Spiegel geübt hatte. Nicht zu strahlend, eher hilfsbereit und ermutigend.
    Sam musterte mich, und ich registrierte verwundert, dass auch auf seinen Zügen ein Lächeln lag. Freundlich sah es aus, sogar erfreut – für einen Kunden beim ersten Besuch höchst ungewöhnlich.
    »Sie sehen mich, ich sehe Sie«, erläuterte ich Sam die übliche Vorgehensweise. »Ich befinde mich im Zimmer nebenan. Wir werden zunächst auf diese Art und Weise miteinander reden, anschließend komme ich zu Ihnen in den Raum. Sprechen Sie in normaler Lautstärke und einfach in Richtung des Monitors, dann kann ich Sie ebenso problemlos verstehen wie Sie mich.«
    »Okay«, erwiderte Sam, wenn auch zögernd. Er wirkte irritiert, aber das störte mich nicht weiter: Irritation, Nervosität – das war ich gewohnt, damit konnte ich umgehen.
    »Wie darf ich Sie nennen?«, erkundigte ich mich wie bei jedem neuen Gesicht, und Sams Lächeln erschien erneut.
    Er hatte einen interessanten Mund, mit sensiblen, interessant geschwungenen Lippen. Sie entblößten zwei Reihen ebenmäßiger Zähne, weiß und gesund – ich sah es mit Erleichterung, denn ein moderiges Gebiss als Pforte zur Innenwelt war nur schwer zu ertragen.
    »Sam«, antwortete Sam, ohne nachzudenken, und ich ging daher davon aus, dass dies sein echter Name war. Nicht, dass das wichtig gewesen wäre. Die echten Namen meiner Kunden interessierten mich nicht, ebenso wenig wie mein echter Name meine Kunden zu interessieren hatte.
    »Sehr erfreut, Sam. Ich bin eine Pythia.«
    »Sie sehen nicht aus wie eine Pythia«, antwortete er prompt. Mit abschätziger Betonung des Wortes, bei der er das P ausspuckte, als wäre es ekelig.
    »Wie stellen Sie sich denn eine Pythia vor?«, erkundigte ich mich, was keine übliche Frage war und mich daher ein wenig aus dem Trott brachte.
    Sam zuckte mit den Schultern, als würde er seinen Widerwillen nur ungern in Worte fassen.
    »Was weiß ich ... Eine ältere Frau. Streng. Verkniffener Mund. Mit Brille und Gesundheitsschuhen.«
    »Es handelt sich nicht um einen Namen, sondern um einen Titel. Und ich verwende ihn rein beruflich«, entgegnete ich kühl.
    Meine Antwort erzeugte Grübelfalten auf Sams Stirn, aber ich verspürte keine Lust, ihm Nachhilfe zu geben. Er konnte einen Blick ins Lexikon werfen, wenn ihn interessierte, was eine Pythia war, was eine Pythia tat. Hätte ich Sam das Ganze ehrlich erklärt, hätte ihm das zudem zu viel über mich enthüllt, und hier ging es nicht um mich. Oder diesen Namen und seinen Ursprung in Schlamm und Schleim, den ich so überaus passend gefunden hatte, denn in nichts anderem wühlte ich tagtäglich.
    »Wer hat Sie zu mir geschickt?«, stellte ich eine weitere Frage, und sie gehörte wieder zu denen, die ich immer stellte – nicht, weil ich Vermittlungsprovision zahlte, sondern weil es gut war zu wissen, wer mir welche Leute schickte. Mit wem ich ein Wörtchen reden musste. Meine Privatempfehlungen waren meist in Ordnung, anders verhielt es sich mit den Kunden, die mir meine weniger begabten Kollegen überstellten: Darunter befanden sich oft Menschen am Ende einer wahren Odyssee, Menschen am Ende ihrer Nerven, Menschen am Ende jeder Hoffnung. Nicht, dass ich ihnen nicht helfen konnte: Ihre Odyssee war bei mir zu Ende, und die Hoffnung ... nun, ich war nicht allwissend, aber ich wusste, was möglich war. Ich mochte meine Kunden allerdings noch halbwegs auf dem Boden der Tatsachen, nicht mithilfe von allerlei Voodoo und Hokuspokus zu nervösen Wracks umgemodelt. Das kam vor, leider, und ich war nicht gewillt, auf Kosten meiner eigenen Nerven das zu reparieren, was andere durch pure Unfähigkeit kaputtgemacht hatten.
    Ich erwartete also, dass Sam nun entweder den Namen eines Kollegen nennen oder aber die Visitenkarte aus der Hosentasche ziehen würde. Diese Visitenkarte bekam jeder neue Kunde am Ende seines ersten Termins von Frau Berger überreicht, auf ihr standen schlicht mein Name und die Telefonnummer für

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