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Tödliches Orakel

Tödliches Orakel

Titel: Tödliches Orakel
Autoren: Tina Sabalat
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wieder«, tröstete ich ihn. »Ich wette um eine Dose Chappi.«

Tag 3 – Mittwoch, 2. August
     
    Wie erwartet gewann ich die Wette: Sam erschien bereits am nächsten Tag erneut bei mir. Das Thermometer war bereits am frühen Morgen auf über dreißig Grad geklettert, und die schwüle Luft hatte sich in eine stechende, trockene Hitze verwandelt. Ich empfand das als Erleichterung, aber damit war ich allein auf weiter Flur: Die brennende Sonne ließ die Pflanzen erschlaffen, machte Frau Berger leidend und Kasimir lethargisch.
    Ich hatte um zehn Uhr einen Termin gehabt, eine junge Frau. Ihre Frage war eine 'Wie'-Frage gewesen, und es hatte mich viel Geduld gekostet, mit diesem geistigen Vakuum einen Weg auszuarbeiten, der sie an ihr ersehntes Ziel führen konnte. Menschen mit wenig Fantasie waren die schlimmsten, wenn es um 'Wie'-Fragen ging, da ihnen nichts ferner lag, als Alternativen zu finden. Sie reduzierten alles auf ein dickköpfiges »Warum denn nicht?«, und es gab nichts, was mehr bremste. Als ich den bitteren Nachgeschmack ihres Magens mit einem zweiten Glas Wasser aus meinem Mund spülte, erschien Frau Berger im Konsultationszimmer. Sie stemmte die Hände in die Hüften und starrte mir über die Kamera in der Deckenlampe direkt ins Gesicht.
    »Er ist wieder da«, sagte sie, die Stimme vibrierend vor mühsam beherrschter Empörung. »Man könnte glauben, er wolle Ihnen den Hof machen. Er hat diesmal gar nicht geläutet, er lehnt an diesem rostigen Auto und ...«
    »Raucht?«, ergänzte ich.
    Sie nickte. »Auch. Und er hat die Dame angesprochen, die gerade bei Ihnen war.«
    Ich horchte auf. »Holen Sie ihn rein.«
    »Kein Wasser«, sagte Frau Berger streng, als wäre das die finale Höchststrafe. Was bei diesem Wetter vielleicht sogar zutraf - mehr aber noch war es Frau Bergers Zeichen dafür, dass Sam kein willkommener Kunde mehr war.
    Ich nickte. »Kein Wasser.«
    Sam kam herein, setzte sich, sein Notizbuch schon in der Hand.
    »Wie viel Zeit habe ich noch übrig?«, erkundigte er sich, ich sparte mir mein sonst obligatorisches Kundenlächeln.
    »Fünf Minuten.«
    »Fünf? Sie haben gestern ...«
    »Fünf Minuten«, unterbrach ich ihn. »Zum Ersten sind Sie gestern abgehauen, als ich Sie eingeladen habe, zu bleiben und Ihre Fragen zu stellen. Zum Zweiten gehen Sie mir auf die Nerven und machen meiner Freundin Angst, wenn Sie vor der Tür herumlungern. Sie schaden damit Frau Bergers gutem Ruf. Und zum Dritten: Was erlauben Sie sich, meine Kundschaft zu belästigen? Sie bekommen fünf Minuten. Nutzen Sie sie.«
    Sam blickte finster in die Kamera. Die Rasur war mittlerweile zwei Tage überfällig, die Haare so aufgeplustert, als hätte er sie sich die ganze Nacht gerauft, und unter seinen Augen lagen unübersehbare Ringe. Er schien das Hemd von gestern zu tragen, darüber ein kratziges Tweed-Jackett, das eher etwas für kalte Herbsttage war als für diese Hitzewelle im Hochsommer. Vielleicht bescherte sein drohender Tod ihm ja so langsam Gänsehaut.
    »Ihnen macht das Spaß, oder?«, fragte er. »Mich zu quälen.«
    »Nein. Aber Sie haben gelacht, wollten mich nicht ernst nehmen. Was sollte ich tun? Sie anbetteln?«
    »Schon gut«, gab er zurück.
    »Also, haben Sie Fragen? Neue Fragen?«
    »Ja.«
    »Dann los, Ihre Zeit läuft.«
    Ich aktivierte die Uhr, Sam blickte in seine Notizen.
    »Warum sollte ich Ihnen weitere Fragen stellen?«
    Ich nickte, denn damit war Sam schon eher auf dem richtigen Weg. »Da Sie so Ihr Schicksal ändern können.«
    »Das geht?«
    Ich seufzte, weil er grundlegende Dinge nicht wusste. Und weil er nicht nachgedacht hatte, oder besser: weil er nicht weit genug gedacht hatte.
    »Ja, natürlich. Stellen Sie sich vor, Sie fliegen morgen in Urlaub und ich sage Ihnen, dass das Flugzeug abstürzen wird. Steigen Sie dann ein?«
    »Wenn ich an so was glaube – nein.«
    »Und damit hätten Sie Ihr Schicksal geändert. Sie würden morgen nicht durch einen Flugzeugabsturz sterben können, wenn Sie kein Flugzeug betreten.«
    »Aber ich würde sterben.«
    »Irgendwann, ja. Und sobald Sie den Entschluss gefasst hätten, nicht in dieses Flugzeug zu steigen, würde ich die nächste Falltür sehen, die der Tod für Sie bereithält. Das könnte ebenfalls morgen sein, weil Sie statt des Flugzeugs die Bahn nehmen und die in einen Güterwagen rast – oder erst in sechzig, siebzig Jahren.«
    »Also sind diese Schüsse am 10. August meine nächste Falltür?«
    »Ja.«
    »Dann muss ich versuchen, diesen

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