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Tödliches Orakel

Tödliches Orakel

Titel: Tödliches Orakel
Autoren: Tina Sabalat
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1. Buch
    Tag 1 – Montag, 31. Juli
     
    Sams erster Termin war an einem Tag im Hochsommer. Seit zwei Wochen lag eine unerträglich feuchte Hitze über der Stadt, die mir nicht gut tat: Sie machte diese Übelkeit schlimmer und bewirkte, dass ich mich nach jedem Kunden nach einer kühlen, weißen Toilettenschüssel sehnte, der ich meinen aufgewühlten Mageninhalt anvertrauen konnte. Ich hatte gedacht, dass ich diese Zeit hinter mir hätte, hatte gedacht, dass ich stärker geworden wäre, aber die Hitze bewies mir das Gegenteil und warf mich zurück in die frühen Tage meines zweiten Seins: Die schwere, schwüle Luft ließ das Innere der Menschen noch schlimmer gären und machte das, was ohnehin schon faulig und stinkend war, schwärzer und giftiger.
    Sam erschien pünktlich, und das schätze ich bei meinen Kunden. An Verspätung akzeptiere ich maximal das akademische Viertel, danach ist der Termin gestorben – ohne Rückerstattung der Gebühr, versteht sich. Kommt jemand innerhalb dieses Zeitrahmens zu spät, gewähre ich genau die Zeit, die zu der üblichen vollen Stunde bleibt: Ich habe eine Stoppuhr vor mir liegen, und sie beginnt genau zur vereinbarten Zeit zu ticken, zählt die Minuten und Sekunden herunter, die dem Kunden oder der Kundin noch zustehen.
    Frau Berger führte Sam in den Konsultationsraum und brachte stilles Wasser. Kaffee, Tee und dergleichen anregende Getränke gab es grundsätzlich nicht, die Leute waren mir so schon zitterig genug. Außerdem störte es mich maßlos, wenn jemand unendlich lang und klingelnd in seiner Tasse rührte. Oder auf die heiße Flüssigkeit pustete, mit gespitzten und speichelnassen Lippen – ja, nasses Pusten war definitiv noch schlimmer als klingelndes Rühren. Auch Säfte, Mineralwasser, Cola und so weiter standen auf meiner Liste der verbotenen Getränke: Saft verätzt das Innenleben zu einer bitteren Suppe, Kohlensäure lässt es aufschäumen wie einen verseuchten Bach. Daher: Stilles Wasser, schweigend serviert, ohne dass ein überflüssiger Satz gefallen wäre. Ein überflüssiger Satz zieht andere nach sich, ihre Summe nennt sich Small Talk. Und das war gewiss nicht das, wofür die Leute zahlten. Oder was ich gern tat.
    Sam akzeptierte das Wasser mit höflichem Dank, nicht aber den Platz auf dem kleinen Sofa, den Frau Berger ihm zuwies, stattdessen wanderte er entspannt im Raum umher. Ich saß wie gewöhnlich bereits nebenan in meinem Arbeitszimmer und verfolgte Sams Weg mithilfe der zahlreichen, unauffällig im Raum verteilten Kameras. Ich sah ihn von oben und von der Seite, von nah und fern, von links und rechts. Die Monitore auf dem Schreibtisch vor mir zeigten einen jungen Mann von etwa dreißig Jahren, und damit war er kein üblicher Kunde: Ich zählte eher Frauen zu meinen Besuchern als Männer, und die wenigen Herren, die zu mir kamen, weil sie von den großen Fragen des Lebens bewegt wurden, waren älter. Fünfzig, mindestens. Keine Ahnung, warum – wahrscheinlich wurde ihnen die Zukunft wichtiger, je kürzer sie war.
    Sam war groß und schlank, seine Haare kastanienbraun. Während er meine Büchersammlung betrachtete, fuhr er sich zwei- oder dreimal durch seinen wirren Schopf, was indes keinen ordnenden Effekt hatte. Er wirkte trotz der auch im Haus spürbaren Hitze bewundernswert kühl, trug ein lockeres Hemd zu grasgrünen Tennisschuhen und Jeans.
    Meine Bücher schienen ihn zu interessieren, denn er verweilte länger vor dem Regal, als ich es von meinen Besuchern gewohnt war. Die Bände standen nur dort, um mit ihren teuren, sichtlich alten Lederrücken für ein gewisses Ambiente zu sorgen. Ich hätte meine Kunden ebenso gut in einem reinweißen Raum ohne viel mehr als die notwendige Sitzgelegenheit und die weitaus notwendigeren Kameras empfangen können, aber das würde meinen Gästen diese Situation nur noch unangenehmer machen. Beim ersten Mal, wohlgemerkt. Beim zweiten Mal war alles anders, war aus der Nervosität stets so etwas wie hoffnungsschwangere Vorfreude geworden.
    Sam entdeckte meinen kompletten Platon in einer Ausgabe aus dem 19. Jahrhundert, und während er ohne jedwede Scheu einen der Bände aus dem Regal nahm, registrierte ich, dass er sehr helle Haut hatte. Ich sah Augenbrauen, die im Alter eventuell zu buschig werden würden, jetzt aber nur kräftig wirkten. Und Augen, die nahe unter diesen Brauen lagen – was viel Raum ließ für hohe Wangenknochen und ein Kinn mit leichtem Bartschatten.
    »Nehmen Sie auf dem Sofa Platz«, sagte

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