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Toedliches Fieber

Toedliches Fieber

Titel: Toedliches Fieber
Autoren: Dee Shulman
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Prolog
    Seth schlug die Augen auf. Das unerträgliche Zittern hatte aufgehört. Erschöpft setzte er sich hin. Keine schrecklichen Schmerzen in den Beinen mehr, kein Schwindelgefühl. Nicht diese fürchterlichen Kopfschmerzen. Das Fieber war vollständig verschwunden.
    Er schwang die Beine vorsichtig auf die Seite der dünnen Matte, auf der er lag, und sah sich in der düsteren Zelle um. Alles war wie immer – der niedrige Holztisch mit Heilkräutern, Fläschchen und einem Wasserkrug. Er kniff die Augen zusammen, weil ihn das flackernde Licht einer Öllampe blendete. In ihrem Schein leuchteten überraschend viele Farben.
    »Matt?«, rief er.
    Eigentlich hätte er erwartet, dass seine Stimme rau und schwach war, doch sie klang klar und voll. Seth stand auf – seine Beine fühlten sich stark an. Er ging rüber zur Tür. Sie stand offen.
    Seltsam.
    Er ging hinaus in den engen Gang.
    Niemand zu sehen.
    In den Kasernen der Gladiatoren war es normalerweise sehr laut. Wo waren sie nur alle?
    Er lief zu Matthias’ Zelle.
    Auch sie war leer. Auf seiner Matratze lag eine Tunika und auf dem Tisch vor dem schmalen Fenster stand ein Mörser mit einer halb zerstoßenen Arznei.
    Als Seth aus dem Fenster schaute, bemerkte er erneut das merkwürdige Schauspiel der Farben, das um die Ecken der sonderbar leeren Übungsarena waberte. Sein Blick wanderte weiter zu den Toren. Wo steckten die Wachen? Sie waren sonst immer auf dem Posten.
    Ohne nachzudenken, flüchtete er aus dem Gebäude über die verlassene Arena bis zu dem riesigen Holztor. Er sah sich rasch um und drückte dann fest dagegen. Ächzend schwangen die Flügel auf und er schlüpfte rasch hindurch, ehe der Lärm ihn verraten konnte. Dann lief er schnell davon, so sicher war er, dass man ihn bald verfolgen würde.
    Er wusste, wohin es ihn zog: zu ihrem geheimen Treffpunkt. Er stellte sich vor, wie sie im Schatten der Bäume stand und auf ihn wartete.
    Livia. Seine Livia.
    Doch dann erstarrte er, weil es ihm plötzlich wieder einfiel. Sie würde nicht da sein. Sie konnte gar nicht da sein – denn sie war fort, für immer.
    Er hatte gesehen, wie sie gestorben war.

ERSTER TEIL
    Time is too slow for those who wait,
    Too swift for those who fear,
    Too long for those who grieve,
    Too short for those who rejoice,
    But for those who love, time is eternity.
    Henry van Dyke (1852–1933)

Auf der schiefen Bahn
    York, England
2012 n. Chr.
    »Was ist bloß mit dir los, Eva?«
    Ich zuckte die Achseln, weil ich nicht wusste, wo ich anfangen sollte.
    »Was hast du denn die ganze Zeit gemacht, wo du in der Schule sein solltest?«
    »Äh … dies und das.«
    »Was soll das heißen?«
    Ach, willst du das wirklich wissen, Dad?
    »Eva, was soll nur aus dir werden?« Mum konnte sich offenbar auch nicht mehr zurückhalten.
    Woher zum Teufel sollte ich wissen, was aus mir werden sollte? Aber danke, Mum, dass du mich erinnerst: Ich habe ja ohnehin keine Zukunft und du ergreifst sowieso immer seine Partei.
    Ich starrte zurück. Da saßen sie, meine Mutter und mein Stiefvater Colin. Fehlte nur noch der liebe Ted ( sein Sohn, nicht etwa mein Bruder), damit es drei gegen einen stand.
    »Ich habe es so satt, Eva«, sagte Colin. »Raus! Geh mir aus den Augen …«
    »Nichts lieber als das«, murmelte ich, als ich an ihm vorbei in mein Zimmer stürmte.
    Mein erster Impuls war, zur Gitarre zu greifen, den Verstärker aufzudrehen und loszuschreien. Doch ich liebte meine Gitarre – die meines Vaters – zu sehr. Ich wollte irgendwas kaputt machen. Obwohl ich versuchte, meine Atmung unter Kontrolle zu bringen, wurde ich immer wütender. Ich musste hier raus. Ich nahm meine Jacke und knallte die Haustür hinter mir zu.
    Dann lief ich … durch die Stadt, durch den Park, den Hügel hinunter zum Fluss. Ich nahm den Treidelpfad, ignorierte die Jogger, die Hundebesitzer und die unvermeidlichen Pfiffe der Jungs. Ich ließ nichts an mich heran, konzentrierte mich nur aufs Laufen – bis die erstickende rote Glut endlich erkaltete und ich mich langsam beruhigte.
    Ich brachte sogar ein kurzes humorloses Glucksen zustande. Denn ausnahmsweise hatte Colin einen guten Grund zum Ausrasten gehabt.
    Ich war von der Schule geflogen – schon wieder.
    Und selbst ich wusste, dass es beim zweiten Mal richtig schwierig wurde. Obwohl ich seit Monaten nicht mehr zum Unterricht erschienen war, tat sich in diesem Moment ein riesiges schwarzes Loch vor mir auf. Meine Zukunft.
    Ich hatte Bauchschmerzen. Es machte mir Angst,

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