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Tödlicher Vatertag

Tödlicher Vatertag

Titel: Tödlicher Vatertag
Autoren: Jason Dark
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Die Frau hieß Evelyn Binussek, saß mir in meinem Büro gegenüber, schaute mich skeptisch an und sagte nach einer Weile: »Ich möchte von Ihnen eine ehrliche Antwort, Mr. Sinclair.«
    »Bitte, ich werde mich bemühen.«
    Sie winkte ab und lächelte. »Das ist mir eigentlich zu wenig, denn ich bin nicht zum Spaß zu Ihnen gekommen.«
    »Das kann ich mir vorstellen, Mrs. Binussek. Wer geht schon grundlos zur Polizei? Dazu noch zu Scotland Yard! Das kostet immer eine gewisse Überwindung.«
    Sie senkte den Kopf und nahm die Tasse mit Kaffee in beide Hände. Glenda Perkins, meine Sekretärin, hatte ihr das Getränk gebracht. Sie schaute auf den Kaffee und schüttelte wieder den Kopf. Es mußte sie Überwindung kosten, den Satz oder die Frage auszusprechen. Sie hatte auch ausdrücklich darum gebeten, mich allein sprechen zu dürfen, und ich hatte zugestimmt. Mein Freund Suko, mit dem ich das Büro teilte, wollte sich in der Zwischenzeit irgendwie in der EDV beschäftigen. Jetzt stellte sie die Tasse weg. Dabei atmete sie ein. Für mich ein Zeichen, daß sie sich entschlossen hatte, endlich zu reden. Und dann kam die Frage für mich völlig überraschend.
    »Glauben Sie an die Rückkehr der Toten, Mr. Sinclair?«
    Mit dieser Frage hatte ich nicht gerechnet. Ich konnte auch sofort keine Antwort finden, strich durch mein Haar und zündete mir eine Zigarette an, um eine kleine Nachdenkpause zu erreichen. Draußen regnete es, aus einem trüben Himmel floß das Wasser, und ebenso trübe war auch meine Stimmung.
    »Jetzt sind Sie sprachlos, nicht?«
    »Nein, das nicht.«
    »Und weshalb bekomme ich keine Antwort von Ihnen?«
    Ich war ehrlich. »Diese Frage, Mrs. Binussek, hätte ich von Ihnen nicht erwartet.«
    »Was dann?«
    »Ich weiß es nicht genau. Jedenfalls machen Sie mir nicht den Eindruck, als würden Sie sich mit diesem Metier beschäftigen. Die lebenden Toten…«
    »Sagen Sie ruhig Zombies, Mr. Sinclair. Ich habe mich vorher informiert.«
    »Gut, bleiben wir bei Zombies.«
    »Obwohl Sie mir meine Frage noch immer nicht beantwortet haben. Glauben Sie daran?«
    »Wenn Sie die Rückkehr der Toten im christlichen Sinne meinen, Mrs. Binussek…«
    Sie hob die Hände und unterbrach mich. »Nein, nein, ich sagte Ihnen doch, das nicht. Ich meine die andere, die schreckliche, die grauenvolle Rückkehr.«
    »Ja, Zombies kann es geben.«
    Sie blickte mich starr an. Nichts regte sich in ihrem Gesicht. Ich hatte das Gefühl, als wäre sie blasser geworden. Einige Sommersprossen traten hervor. Evelyn Binussek war ungefähr 40 Jahre alt. Eine aparte Frau mit schwarzen Haaren, die einen kurzen Schnitt zeigten, durch Föhnen etwas aufgelockert wirkten und ihren Kopf umschmeichelten. Sie hatte dunkle Augen und hochstehende Wangenknochen. Einen schwarzen Pullover trug sie und einen karierten Rock im Schottenmuster. Die Stiefel reichten fast bis zu den Knien. Auf dem Leder waren die Regentropfen bereits getrocknet.
    Ihr Atem kam mir auf irgendeine Art und Weise befreiend vor. »Darf ich auch eine Zigarette haben?« erkundigte sie sich.
    »Natürlich, gern.« Ich reichte ihr die Packung, und sie nahm sich ein Stäbchen. Feuer bekam sie ebenfalls von mir. »Ich bin froh, daß Sie mich nicht auslachen, Mr. Sinclair.«
    »Wie käme ich dazu?«
    »Die meisten Menschen hätten mich ausgelacht.« Sie blies den grauen Rauch seitlich über meinen Schreibtisch.
    »Dann wären Sie ja nicht zu mir gekommen, wenn ich ein ›normaler‹ Mensch gewesen wäre.«
    »Das sicherlich nicht.«
    »Kommen wir mal zur Sache, Mrs. Binussek. Haben Sie einen triftigen Grund, an lebende Tote zu glauben?«
    »Den habe ich natürlich. Und nicht ich allein. Meinen beiden Freundinnen ist es ebenso ergangen.«
    »Wieso?«
    »Gesehen habe ich keinen, nur gehört.«
    »Ein Zombie sprach zu Ihnen?«
    Ich war ein wenig verwirrt.
    »Genau das.« Ihre Stimme wurde ein wenig lauter, vielleicht auch schriller. »Es war nicht irgendein Zombie, Mr. Sinclair, sondern mein Mann Claus, der zu mir gesprochen hat.«
    »Wobei ich davon ausgehen kann, daß ihr Mann nicht mehr unter den Lebenden weilt.«
    »So ist es.«
    Ich runzelte die Stirn. Was sollte ich tun? Der Frau glauben oder sie als hysterisch bezeichnen? Eigentlich machte sie einen viel zu normalen Eindruck. Evelyn Binussek sah aus, als stünde sie mit beiden Beinen im Leben. Und sie hatte auch während unseres Gesprächs die Ruhe bewahrt. Ob sie dabei unter starkem Druck stand oder nicht, wollte ich dahingestellt sein

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