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Toedliche Worte

Toedliche Worte

Titel: Toedliche Worte
Autoren: Val McDermid
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N ur weil du Stimmen hörst, heißt das doch nicht, dass du verrückt bist. Man braucht nicht besonders schlau zu sein, um das zu wissen. Und obwohl du all die Dinge getan hast, bei denen es den Geschworenen den Magen umdrehte, bist du doch wenigstens schlau genug zu wissen, dass du kein Irrer bist. Es gibt jede Menge Leute, die Stimmen hören, das weiß man ja. Wie beim Fernsehen. Wenn man fernsieht, könnte man zwar meinen, dass das alles wirklich passiert, aber trotzdem weiß man doch, dass es nicht so ist. Und irgendjemand muss sich das alles ja auch ausgedacht haben, ohne hier zu landen, wo du bist. Da besteht ja kein Zweifel dran.
    Du brauchst dir also keine Sorgen zu machen. Oder jedenfalls keine großen Sorgen. Na gut, sie haben behauptet, dass du verrückt bist. Der Richter hat deinen Namen genannt, Derek Tyler, und hat dir das Etikett »geistesgestört« umgehängt. Aber was für ein cleverer Typ der Richter angeblich auch sein mag, ihm war doch nicht klar, dass er sich genau nach Plan verhielt. Es ist der Dreh, auf den sie immer kommen, um »lebenslänglich« zu vermeiden, wenn einer das getan hat, was du verbrochen hast. Wenn du ihnen einreden kannst, dass du durchgeknallt warst, als du es getan hast, dann hast nicht du die Tat begangen, sondern der Wahnsinn in dir. Und wenn du verrückt, aber nicht bösartig bist, dann ist ja klar, dass du geheilt werden kannst. Und deshalb sperren sie dich in die Klapsmühle statt in den Knast. Da können die Mediziner dann in deinem Kopf herumstochern und probieren, die kaputten Teile wieder in Ordnung zu bringen.
    Wenn da natürlich von Anfang an nichts kaputt war, hältst du besser die Klappe. Lässt sie nicht merken, dass du genauso gesund im Kopf bist wie sie selbst. Dann, wenn der richtige Zeitpunkt gekommen ist, kannst du anfangen zu reden. Stell es so hin, als hätten sie mit ihrer Zauberkraft jemanden aus dir gemacht, den sie wieder auf die Straße hinauslassen können.
    Es klang völlig plausibel, wenn die Stimme es erklärte. Du bist ja auch ganz sicher, dass du alles richtig verstanden hast, weil die Stimme es so oft wiederholt hat, dass du die ganzen Sprüche mit geschlossenen Augen auswendig hersagen kannst. »Ich bin die Stimme. Ich bin deine Stimme. Was ich dir befehle, ist das Beste für dich. Ich bin deine Stimme. Das ist der Plan. Hör gut zu.« Das ist der Auslöser. Es braucht nicht mehr als diese ersten paar Worte, um das ganze Band in deinem Kopf ablaufen zu lassen. Die Botschaft ist noch da, tief in dein Gehirn eingegraben. Und sie macht immer noch Sinn. Oder zumindest glaubst du das.
    Nur ist es jetzt schon so lange her. Und das Schweigen durchzuhalten ist nicht leicht – jeden einzelnen Tag, Woche um Woche, Monat um Monat. Aber du bist ganz schön stolz darauf, dass du es geschafft hast, denn all die anderen Dinge vermischen sich mit der Stimme. Therapiesitzungen, bei denen du alles ausblenden musst, was die wirklich Verrückten so labern. Gespräche mit den Ärzten, die dich mit List und Tücke zum Sprechen bringen wollen. Gar nicht zu reden von dem Geschrei und Gebrüll, wenn jemand durchdreht. Und dann die Hintergrundgeräusche im Aufenthaltsraum, der Fernseher und die Musik, die wie Störsender in deinem Kopf rumoren.
    Nur mit der Stimme kannst du dich wehren und mit dem Versprechen, dass das Wort fällt, wenn der rechte Zeitpunkt da ist. Und dann wirst du wieder draußen sein und das tun, was du, wie du entdeckt hast, am besten kannst.
    Frauen töten .

I n den ersten sechs Stunden musst du sie finden, sonst suchst du nur noch nach einer Leiche. In den ersten sechs Stunden musst du sie finden, sonst suchst du nur noch nach einer Leiche . Diese höhnische Zauberformel der verschwundenen Kinder ging Inspector Don Merrick nicht aus dem Sinn. Inzwischen waren es schon sechzehn Stunden, und er war immer noch am Zählen. Und auch die Eltern von Tim Golding zählten jede Minute, die nach dem letzten Blick auf ihren Sohn vergangen war. Er brauchte nicht darüber nachzudenken, wie sie sich wohl fühlten. Er war selbst Vater und kannte die tief sitzende Angst, die alle Eltern befällt, wenn plötzlich und unerklärlich ihr Kind nicht da ist, wo es sein sollte. Meistens ist die Sache innerhalb von Minuten erledigt, wenn das Kind gesund und munter wieder auftaucht und die von Panik ergriffenen Eltern vergnügt anstrahlt. Aber trotzdem hinterlässt der Vorfall eine untilgbare Narbe.
    Und manchmal gab es auch kein so versöhnliches Ende. Keinen

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