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Töchter des Schweigens

Töchter des Schweigens

Titel: Töchter des Schweigens
Autoren: barcelo
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schicken wir nach London«, schloss sie. »Es wird ihr dort gefallen. Sobald ihre Eltern über euch Bescheid wissen, sollte das kein Problem sein. Sie werden von sich aus darauf kommen, dass es das Beste ist, wenn sie eine Zeit lang von hier verschwindet.«
    Ich glaube, das war der Moment, in dem ich ihr die Hände um den Hals legte und zudrückte. Ich sehe noch deutlich, wie ihr die Augen hervorquellen und sie blass wird. Denn da hat sie begriffen, dass ich sie töten werde, dass mir nichts anderes übrig bleibt, als sie jetzt zu töten, damit ich weiterleben kann, damit wir alle weiterleben können. Sie schlägt um sich und versucht, mich zu kratzen, aber die Verzweiflung gibt mir Kraft, und ich drücke und drücke, bis sie die Augen verdreht, ihre Augäpfel nach oben rollen und nur noch zwei weiße Kugeln zu sehen sind. Ich glaube, mir ist nicht bewusst, dass ich im Begriff bin, sie umzubringen. Ich will nur, dass sie den Mund hält, uns in Frieden lässt, uns nicht länger quält. Das glaube ich, aber genau weiß ich es nicht mehr. Ich weiß nur, dass ich weiterhin zudrücke, dass meine Hände krampfhaft ihren Hals umklammern, dass der Wind kalt geworden ist, mit heftigen Böen, die mir die Haare ins Gesicht und in die Augen peitschen.
    Da höre ich Magdas Stimme, ihren durchdringenden Schrei: »Neeeiiin!«
    Eine Tür hat sich geöffnet, und über Matis Schulter hinweg starrt mich Magda an, totenbleich und vollkommen außer sich, während Mati sich kaum noch wehrt. Es sind nicht einmal zwei Sekunden. Dann schließt sich die Tür wieder, Magda verschwindet, und ich lasse Mati los.
    Ich weiß nicht, warum ich das tue. Ich weiß nicht, ob ich müde bin oder mich vor mir selbst ekele oder mit einem Mal einsehe, dass es nichts nutzen würde, dass wir uns, auch wenn Mati nicht mehr wäre, niemals von dem befreien können, was wir angerichtet haben.
    Ich lasse ihren Hals los, und Mati sackt hustend und spuckend auf dem Boden in sich zusammen. Lebendig.
    Das Lebendigste an ihr ist ihr hasssprühender Blick, und ich weiß, dass ich sie nie mehr loswerde, dass sie es mir heimzahlen wird und ich ebenso gut jetzt gleich über Bord springen kann, weil sich meine Zukunft unter diesem glühenden Blick soeben aufgelöst hat wie ein Stück Eis.
    Ich glaube, mich zu erinnern, dass ich sie angespien habe und wieder hineingegangen bin. Der Gang des Schiffes ist endlos lang, Reihen identischer Türen zu meiner Rechten und zu meiner Linken. Das Labyrinth. Aber ich weiß, für mich gibt es keine Türen mehr. Von jetzt an wählt Mati die Türen. Weil ich nicht den Mut gehabt habe, sie zu töten.
    Ich gehe zurück in die Kabine, wo sich die anderen drei schlafend stellen und keine ein Wort mit mir spricht. Ich lege mich in die Koje, von einem unkontrollierbaren Schlottern erfasst. Im rötlichen Dämmerlicht der Notbeleuchtung sieht mich Magda an und stellt mir eine stumme Frage. Ich schüttele den Kopf. Ich versuche, ihr verständlich zu machen, dass nichts passiert ist, und sie scheint zufrieden, denn auf ihren Lippen erscheint ein kleines Lächeln, aber dann wendet sie mir den Rücken zu und fängt leise an zu weinen. Carmen seufzt und dreht sich auf die andere Seite. Marga kommt herunter in meine Koje und umarmt mich schweigend.
    Irgendwann in der Nacht, den Kopf an Margas Schulter vergraben, höre ich die Tür. Eines der Mädchen geht hinaus und kommt nach einer Weile wieder. Oder es ist eine andere, die hereinkommt. Ich weiß es nicht. Es ist mir gleichgültig. Ich atme Margas beruhigenden Geruch ein und weigere mich, die Augen zu öffnen.
    Als Mati am nächsten Tag unauffindbar ist, gibt mir Magda mit den Augen zu verstehen, dass sie glaubt, ich wäre es gewesen, dass sie mich aber niemals verraten wird. Uns allen zuliebe.
    Ich war nie imstande, ihr zu sagen, dass sie sich irrte und ich Mati nicht umgebracht habe, nicht einmal weiß, wer es war, derjenigen aber trotz allem aus tiefstem Herzen dankbar bin.
     
    Teresa ließ das Blatt sinken und starrte blicklos an die Wand.
    »Wie du siehst«, sagte Rita, »kehren wir damit also zurück zum Ausgangspunkt. Candela hat sich offenkundig selbst bezichtigt, um uns alle zu retten, damit niemand mehr in den alten Sünden stochert, aber an Matis Tod ist sie nicht schuld. Sag bloß, das ist keine Überraschung für dich!«, beharrte Rita, verwundert über den Gesichtsausdruck ihrer Freundin.
    Teresa schüttelte langsam den Kopf.
    »Natürlich überrascht es mich nicht, meine Liebe. Es war

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