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Todesträume am Montparnasse

Titel: Todesträume am Montparnasse
Autoren: Alexandra Grote
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PROLOG
    S ie erwachte vom Gesang der Vögel. Ein scharfer Lichtstrahl drängte durch die Ritze unter der Tür. Ein neuer Tag. Der wievielte? Die Gedanken lösten sich auf, als sie darüber nachsann. Ihr Kopf hämmerte wie wild, die Hände schmerzten. Die Hände! In der Dunkelheit des stickigen Raumes sah sie das Blut nicht, das inzwischen angetrocknet war. Vermischt mit Schmutz und Exkrementen klebte es an den Fingern. Der Gestank war bestialisch, doch auch daran hatte sie sich gewöhnen müssen. Der Rest ihres Körpers lag da wie tot. Keine Empfindung durchzuckte ihn, dafür war sie fast dankbar. Als wären seine Sensoren einfach abgeschaltet worden. Ruhezustand. Neustart irgendwann durch einen Knopfdruck, der sich ihrer Kontrolle entzog.
    Sie schloss die Augen wieder, und als sei dies ein Signal, huschten einige Bildfetzen vorbei wie eine scheue Erinnerung. Schöne Bilder. Ein blauer Himmel spannt sich über eine hügelige Landschaft. In der Ferne schlängelt sich der Bach durch Wiesen und Felder. Ein Dorf. Menschen feiern ein Fest, sie lachen und singen … Glückliche Ausschnitte ihres Lebens.
    Sie klammerte sich daran, da sie wusste, dass sie sogleich wieder entschwinden würden. Auch das Gezwitscher
würde nur kurzzeitig hereinwehen, wie der flüchtige Windhauch in den Mohnfeldern am Fuß der Berge. Damals, als sie Kind war. Eine Kindheit, die ihr frühzeitig den Weg wies, den sie einmal einschlagen sollte. Wie lange war das her? Ein Wimpernschlag und eine Ewigkeit zugleich. Mit vier Jahren fing sie mit dem Klavierspiel an. Mit acht Jahren spielte sie bereits Chopin. Auf dem Flügel der Klavierlehrerin stand zur Sommerzeit stets ein Strauß Sonnenblumen. Aus dem Vorgarten drängte der betäubende Duft der Jasminblüten ins Zimmer. Sonnenblumen, Jasmin und die Etüden von Chopin - eine Erinnerung an Glück und die Unendlichkeit des Lebens, das damals noch vor ihr lag.
    Ganz still hielt sie jetzt den Kopf, der zu zerspringen drohte. Für einen kurzen Moment vernahm sie die ersten Anschläge der a-Moll-Mazurka Opus 68. Die hatte sie zuletzt gespielt, noch am Morgen des Tages, der alles veränderte. Zwei Wochen später sollte das Konzert stattfinden, ihr erster großer Auftritt in der Hauptstadt und ein Livemitschnitt für ihre erste CD.
    Waren diese zwei Wochen bereits vergangen? Befand sie sich schon so lange hier? Die Zeit war unterteilt in Lärm und Stille, in Schmerz und Betäubung, in Angst vor dem Tod und der Sehnsucht danach.
    Sie stützte ihre Ellbogen auf den Steinfußboden und stemmte sich hoch. Der Schmerz in ihren Händen wurde rasend. Wie nach einem Schuss fiel sie zurück.
    Von jenseits der Tür drangen plötzlich dumpfe Geräusche. Kurz darauf wurde diese aufgerissen, und ein Schatten füllte den Türrahmen.
    Alles in ihrem Kopf drehte sich. Angst und Schmerz verschafften sich jetzt Einlass in jede Pore ihres Körpers, der zu einer einzigen Wunde wurde. Als der Schatten sich auf sie zubewegte, verlor sie das Bewusstsein.
    Draußen tötete die Sonne den Tag.

1. KAPITEL
    Niemand hatte mit Schnee gerechnet.
    Er fiel in dichten, feinen Flocken vom anthrazitfarbenen Himmel. Die Kieswege, die Koniferen und Buchsbaumhecken sowie die parkenden Autos vor dem Haupteingang waren bereits mit einer dünnen Schicht bedeckt.
    »Mist, und ich habe Sommerreifen!«, murmelte LaBréas Bruder Richard unwillig und schlug den Mantelkragen hoch.
    LaBréa schloss den Reißverschluss seiner Lederjacke und warf einen prüfenden Blick zum Himmel. Es würde in den nächsten Stunden weiterschneien, so viel schien sicher.
    »Auf Wiedersehen, Madame Weill.« Er gab der Heimleiterin die Hand. Diese hatte fröstelnd die Schultern hochgezogen und schien es eilig zu haben, ins Haus zurückzukehren.
    »Auf Wiedersehen, meine Herren. Ich versichere Ihnen nochmals, dass ich alles tun werde, damit Ihre Mutter ab nächste Woche in ein anderes Zimmer kommt.«
    »Danke.« Richard LaBréa fingerte seinen Autoschlüssel aus der Manteltasche. »Wir können uns
auch nicht erklären, warum sie plötzlich so aggressiv auf Madame Dary reagiert.«
    »Eine Erklärung gibt es wahrscheinlich auch nicht. Alzheimerpatienten verändern oft ihr Verhalten gegenüber ihren Mitpatienten, ohne dass die Gründe nachvollziehbar wären.« Die Heimleiterin, eine zierliche Person mittleren Alters mit einem unauffälligen Durchschnittsgesicht, schlang die Arme um ihren Körper, huschte ins Haus, und die schwere Tür fiel ins Schloss.
    Maurice und Richard LaBréa

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