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Tod in Marseille

Tod in Marseille

Titel: Tod in Marseille
Autoren: Doris Gercke
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Maria-Carmen
    Das Flugzeug war nachts auf Teneriffa gelandet. Er hatte absichtlich diesen Flug gewählt, in der Hoffnung, den Strömen von Touristen aus dem Weg zu gehen, mit denen jetzt im Frühjahr zu rechnen war. Seine Rechnung war nicht aufgegangen, aber wenigstens konnte er den Flughafen sofort verlassen, ohne in die Menschenmenge zu geraten, die sich um die Gepäckbänder drängte.
    Im Taxi fuhr er über die nächtliche Insel zum Fähranleger im Süden, er saß ruhig auf der Rückbank. Er fühlte sich müde und leer. Er brauchte sich noch nicht zu erinnern. Den Weg über die Insel zum Flughafen war er nur einmal gegangen. Das war dreißig Jahre her, und es war Tag gewesen. Das Taxi setzte ihn am Hafen ab.
    Er verbrachte den Rest der Nacht auf dem Boden sitzend, den Rücken an die Quaimauer gelehnt, und verpasste dann den Sonnenaufgang, weil er gegen Morgen doch noch eingeschlafen war. Der Lärm und der Gestank der Lkw, die auf die Fähre fuhren, weckten ihn. Die Fähre war neu, ein modernes Schiff, das ihm fremd war und sehr schnell fuhr. Aber die fremde Fähre machte ihm nichts aus, denn er hatte damals in einem Fischerboot die Insel verlassen. Für die Überfahrt von San Sebastián auf Gomera nach Los Cristianos auf Teneriffa hatte er kein Geld gehabt. Deshalb gehörte eine Fahrt mit der Fähre nicht zu seinen Erinnerungen.
    Ein paarmal ging sein Blick ruhig über die Gesichter der Passagiere, dann war er sicher, dass ihn niemand beobachtete. Auch nicht der alte Mann, den er zu erkennen meinte. Die Quacksalber, die sein Aussehen verändert hatten, waren Meister ihres Fachs gewesen.
    Im Hafen von San Sebastián ging er achtlos an den Taxis vorbei. Sein Weg führte ihn durch den hundert Meter entfernten Tunnel an den Strand. Er hatte sich schon auf der Fähre vorgenommen, gleich dorthin zu gehen, weil er die Stelle wiedersehen wollte, wo sie als Jungen zwischen den Felsen herumgeschwommen waren und getaucht hatten. Als er an den Strand kam, stellte er fest, dass die beiden Felsen, die er schwarz und heiß und von Wasserstrudeln umspielt in Erinnerung hatte, durch einen Plafond aus Beton verbunden worden waren. Er wandte sich um zu dem entfernter liegenden Felsen, und plötzlich schien es ihm, als wären seine Erinnerungen unter der fünf oder sechs Meter dicken Betonschicht begraben worden. Der Gedanke kam ihm sonderbar vor. Er ging zurück an die Anlegestelle der Fähre und nahm ein Taxi, das ihn nach oben in den Parador brachte. Er würde schlafen, während man sich um seinen Anzug kümmerte, und abends in die Stadt hinuntergehen.
    Er spürte, wenn er an die Stadt dachte, eine ungewohnte Gleichgültigkeit, mit der er nicht gerechnet hatte, und machte seine Müdigkeit nach der umständlichen Reise dafür verantwortlich. Sein Schlaf war tief und traumlos.
    Als er spätabends im Speisesaal erschien, war er der einzige Gast. Die Kellnerin, die ihn bediente, sah ihn verstohlen an, wenn sie sich unbeobachtet fühlte. Er gab ihr ein sehr großes Trinkgeld. Sie bedankte sich mechanisch. In ihrem Gesicht bemerkte er einen Ausdruck von Neugier und Angst. Als er an der Bar mit dem Fernseher vorüber nach draußen ging, wurden gerade Nachrichten gesendet. Einen kurzen Augenblick lang schien es ihm, als hätte er sein eigenes Bild gesehen, war aber gleichzeitig sicher, dass er sich geirrt hatte. In der Bar war niemand, und er ging ruhig weiter.
    Den Weg in die Stadt fand er trotz der Dunkelheit, er brauchte zwanzig Minuten nach unten. Es war derselbe Weg, den er als Kind gegangen war, auch damals oft im Dunkeln.Während er hinunterstieg, sah er auf die vielen Lichter. Es waren mehr geworden seit damals, und er versuchte sich zu erinnern, was er früher bei ihrem Anblick empfunden hatte. Aber etwas in ihm, von dem er gedacht hatte, er würde es wiederfinden, war nicht mehr vorhanden.
    In den Gummibäumen auf der Plaza hingen ein paar Lichter, und in der Bar war Betrieb. Er erkannte einen der Kellner, mit dem er damals befreundet gewesen war, aber der Mann erkannte ihn nicht. Er setzte sich so, dass er den Mann beobachten konnte, sah, dass der andere dreißig Jahre älter geworden war, und dachte darüber nach, was er selbst wohl jetzt machen würde, wenn er nicht von der Insel weggegangen wäre. Er wusste nicht mehr, wie viele Menschen er getötet hatte, aber er hatte niemanden von denen gekannt. Ihr Tod hatte ihm viel Geld eingebracht, und sie waren ihm gleichgültig geblieben. Und nun war er zurückgekommen, weil er

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