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Tod in Bordeaux

Tod in Bordeaux

Titel: Tod in Bordeaux
Autoren: Paul Grote
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der Verkehr zunahm. Den Moloch an der Seine umfuhr er und nahm die A 4 Richtung Reims.
    «Mach Pause unterwegs, vergiss die Rückengymnastik nicht, rase nicht so, und nimm dir Zeit», hatte Gaston ihm geraten. Doch Martin würde wie immer in einem Rutsch durchfahren. Da war er fast so störrisch wie sein Freund. Niemand hatte Gaston von der Idee abbringen können, die Größen des Bordelais mit seinem Wein herauszufordern.
    Martin, dem jeder Ehrgeiz fremd war, bewunderte Gastons Courage, er hätte gern genauso gefühlt und hatte deshalb nie den Versuch unternommen, ihm sein Vorhaben auszureden, im Gegenteil. Er zweifelte keinen Moment am Erfolg seines Freundes und unterstützte ihn, wo immer er konnte.
    Darum war er auch in Saint-Émilion gewesen: um seinem Freund bei den letzten Vorbereitungen zu helfen.
    Kurz nach Paris begann es zu regnen. Hoffentlich dehnte sich das Tief nicht bis nach Bordeaux aus! Das wäre eine Katastrophe jetzt kurz vor der Ernte. Martin hatte im September in Bordeaux schon Dauerregen der übelsten Sorte erlebt. Die Temperatur stürzte, und die Winzer des Bordelais rannten mit Angstschweiß auf der Stirn durch ihre Weinberge und rauften sich die Haare. Graue Schleier verhüllten an solchen Tagen die Gironde. War die Fähre zwischen Côtes du Bourg und dem Médoc in der Mitte des Flusses, konnte man kein Land mehr erkennen.
    Bislang jedoch hatte sich das sonnige Wetter im Bordelais gehalten, und die Winzer fieberten steigenden Preisen entgegen. Der erste Merlot wurde bereits gelesen, er verlor die Fruchtigkeit, wenn er zu lange am Stock blieb, doch Gastons Trauben hatten noch nicht ganz die richtige Reife erreicht, um so zu werden, wie er sich seinen Pechant vorstellte: voll, rund, dramatisch, weiches, süßes Tannin, eine seidige Struktur am Gaumen und mehr elegant als wuchtig, «ein Wein, den man erst in zehn Jahren trinken darf und der dann noch 50 Jahre hält», hatte er gestern Abend mit Martin gescherzt.
    Gaston riskierte viel, besonders jetzt, wo das Wetter unbeständig war und der nahe Atlantik seinen Einfluss geltend machte. Sie hatten lange über den Zeitpunkt für die Lese diskutiert, Gaston war sich wie immer absolut sicher: «In fünf Tagen fange ich an, nächste Woche Dienstag, dann sind die Trauben richtig!»
    Hinter Metz tankte Martin, quälte seinen Rücken mit Lockerungs- und Dehnungsübungen und trank in der Raststätte einen Kaffee im Stehen. Der Geruch von abgestandenem Essen vertrieb ihn aus dem Rasthof. Er schlenderte zurück zum Wagen. Schön, dass Caroline an ihn gedacht hatte. Das Erste, was er in dem Lunchpaket sah, waren zwei Flaschen Haut-Bourton. Schon wieder? Wozu, wenn hinten im Wagen eine volle Kiste lag ...?
    Martin wischte den Gedanken beiseite und griff hungrig nach den mit verschiedenen Käsesorten belegten Baguettes. Der nussige Reblochon und der mit Bohnenkraut und rotem Pfeffer gewürzte Tomme de Pèbre gefielen ihm am besten. Mit Wehmut erinnerte er sich an Carolines Kochkünste. Von morgen an würde er wieder für sich alleine kochen müssen, Petra ging lieber essen. Er hob sich die Schokolade und das Obst für später auf und fädelte sich wieder in den Verkehr ein.
    Im Rückspiegel sah er einen silbergrauen BMW aus der Auffahrt schießen. Er war so schnell, dass er Martin, der seinen Wagen nur langsam beschleunigen konnte, fast rammte. Der BMW raste vorbei, und Martin atmete auf. Gerade noch mal gut gegangen. So ein verdammter Idiot. Warum konnten sich die Leute auf der Autobahn auch nicht benehmen. In Deutschland würde es noch schlimmer werden. Um wie viel lieber wäre er jetzt in aller Ruhe nach Süden statt nach Nordosten gefahren, hinunter ans Mittelmeer - oder ins Piemont vielleicht? Die Brüder Giacosa besuchen, ihren hervorragenden Barolo kosten, dazu eine Rehkeule ...
    Die Wasserfahnen der vor ihm fahrenden Lastwagen zerrten an Martins Nerven, der Scheibenwischer fuhr mit der Regelmäßigkeit eines Metronoms vor seinem Gesicht herum. Hoffentlich saugen sich Gastons Trauben nicht mit Wasser voll, dachte er unruhig, als er die Grenze nach Deutschland passierte. Gott sei Dank keine Kontrollen, ein vereintes Europa hatte etwas für sich.
    Da riss die Wolkendecke auf, die Sonne warf ihre letzten Strahlen auf die Erde. Sie fielen auf einen Wald, entflammten ein namenloses Dorf und malten die Hügelkuppen in Gold. Es sah aus wie ein mittelalterliches Altarbild. Schön, aber unheimlich. Martin erinnerte sich wieder an Gastons unverständliches

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