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Tod im Moseltal

Tod im Moseltal

Titel: Tod im Moseltal
Autoren: Carsten Ness
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Prolog
    Luxemburg; Oktober im Jahr zuvor
    Er lief ziellos. Die Regentropfen, die von seinen sorgsam gegelten Haaren abperlten und unter dem Hemdkragen verschwanden, spürte er nicht. Auch die schon fast winterliche Kälte, die unter sein Sommerjackett kroch, konnte ihn nicht erreichen.
    Er hatte geglaubt, ihn hinter sich gelassen zu haben. Aber das war ein Trugschluss gewesen. Nur ein Blick hatte gereicht, ein winziger Augenblick, bevor sich die Menge im säulenumrahmten Foyer der Philharmonie wie ein Vorhang wieder geschlossen hatte.
    Den »Zarathustra« nach der Pause hatte er gar nicht mehr mitbekommen, verharrte wie benommen auf seinem Platz in der dritten Reihe. Bildete sich seine Blicke im Rücken ein. Fühlte, wie nur ein konzentriertes Anspannen der Muskeln ein Beben seiner Arme und Beine verhindern konnte. War wie betäubt und gleichzeitig wie in ein loderndes Flammenmeer geworfen, bis schließlich Strauss’ »Nachtwandler-Lied« ihm die Flucht in die Dunkelheit erlaubte.
    Er war doch fort gewesen. Fort aus seinen Gedanken, fort aus seinem Fühlen, fort aus seinem Leben. Aber jetzt war er wieder da, für die Dauer eines Wimpernschlages nur und doch unweigerlich da. Drängte wieder in sein Sein, so plötzlich und gewaltig wie ein Kanonenschlag.
    Die gelbrötliche Straßenbeleuchtung legte einen dezenten Lichtstrang durch die Nacht vor der Philharmonie. Fast eine halbe Stunde lang war er die vierspurige Avenue John Fitzgerald Kennedy zwischen zwei Reihen neu angepflanzter Bäume entlanggelaufen. Hier im mondänen Stadtteil Kirchberg führte das moderne Luxemburg jedem Ankömmling sein Inneres unwidersprüchlich vor Augen: In dieser Stadt verbanden sich Geld, Macht und Globalität. Eine Kombination, die das kleine Großherzogtum zu einem Zentrum der europäischen Finanz- und Förderpolitik hatte werden lassen. Das war in den vergangenen Jahren sein berufliches Zuhause gewesen, hatte ihm Sicherheit, Erfolg und Genugtuung geboten. Doch das alles war ihm in diesem Moment keine Hilfe.
    Er wollte jetzt allein sein, am liebsten in einem dunklen, stillen und völlig von der Außenwelt abgeschlossenen Raum, nur noch weg von dieser immer noch belebten Allee. Er bog in die Rue du Kiem ab und ging die Talstraße hinunter nach Weimershof. Die Nationalstraße N1 Richtung Trier lag vor Nässe glänzend, aber ruhig zwischen den beiden Häuserreihen des Straßendorfs. Über zwanzig Jahre musste es her sein, dass er ihn das letzte Mal gesehen hatte. Zwanzig Jahre, die gerade lang genug gewesen waren, um ihn aus seinem Bewusstsein zu verdrängen. Zwanzig Jahre, die nun von einem einzigen Augenblick pulverisiert wurden.
    Die Ruhe, die von den bewaldeten Hängen des engen Tals mit seinen verschlossenen Häusern ausging, tat ihm gut. Führte ihn ein Stück weit wieder in die Gegenwart zurück. Als er die Alzette gequert hatte, bog er links ab und folgte dem Uferweg Richtung Grund vorbei an leblosen Hallen in die nächtliche Leere der Stadt. Nun zeigten Kälte und Nässe doch ihre Wirkung: Er fror erbärmlich. Aber er nahm diese Empfindungen fast wie eine Erlösung auf, schienen sie das Gespenst des Abends doch etwas zu vertreiben.
    Auf Höhe der Abtei Neumünster holte er mit steifen Händen das Handy aus der Innentasche des Mantels, schaltete es an und bestellte ein Taxi zum »Café des Artistes«.

1
    Trier-Avelsbach; Sonntag, 31. Oktober
    Thomas Steyn hatte das Kissen aufgeschüttelt und am Kopfteil des Ehebettes hochgestellt. Er hasste es, schon morgens seinen Rücken die harte Realität von kaltem, massivem Buchenholz spüren zu lassen. Und heute, da er nachdenken musste, um den Tag geschickt und möglichst unauffällig über die Runden zu bringen, wollte er wenigstens noch einmal in aller Behaglichkeit auf den gestrigen Abend zurückblicken. Doch das gelang ihm nur bedingt, das Dröhnen in seinem Schädel war heftig. Dabei hatte er mit dem Chateau La Tour Blanche doch einen dem Anlass entsprechend besseren Bordeaux aus seiner Schatzkammer geholt.
    Im Gästezimmer war es noch ruhig. Marion hatte auch allen Grund, bis tief in den Tag hinein zu schlafen. Ihre Nacht war schließlich nicht länger gewesen als seine. Ein vorsichtiger Blick zum Wecker zeigte ihm, dass es wirklich schon spät war. Dennoch würde ihnen noch genügend Zeit für ein flottes Frühstück bleiben. Marions Zug fuhr gegen drei Uhr, und Marie würde mit den Kindern erst um kurz nach halb acht am Bahnhof ankommen. Es war gut, dass er beide überredet hatte,

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