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Tod einer Göttin (Vera-Lichte-Krimi) (German Edition)

Tod einer Göttin (Vera-Lichte-Krimi) (German Edition)

Titel: Tod einer Göttin (Vera-Lichte-Krimi) (German Edition)
Autoren: Carmen Korn
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Prolog
    Stimmen kamen aus dem Nebel zu ihr. Hohe Stimmen, die aufgeregt sprachen und kaum gedämpft wurden von den dichten weißen Schwaden, die über dem See lagen und der kleinen Stadt Lutry.
    Sie trat durch die offenen Flügeltüren, die schon zu lange die kalte Januarluft eingelassen hatten, trat hinaus auf die kleine Terrasse und lauschte den Stimmen. Die Uferstraße zu ihren Füßen war nur zu ahnen, wie auch das nahe Hotel du Lac, vor dessen Eingang wohl eine Gruppe Frauen stand.
    „La Rouge“, hörte sie. „Dans les vignobles.“
    Wurde sie nicht die Rote genannt, ein wenig verächtlich, weil es für eine Frau in ihren Jahren unpassend schien, Haare in feuerroter Farbe zu haben?
    „Les cheveux rouges“, hörte sie.
    Eine Weile versuchte sie den Sätzen zu folgen, irritiert durch das wiederkehrende Wort „mort“. Nein. Sie war nicht tot. Sie stand hier auf der Terrasse ihrer Wohnung und wartete auf ihre Aufwartefrau. Was redeten die Frauen? Was war in den Weinbergen geschehen?
    Sie ging in das große Zimmer zurück und schloss die Türen und dachte, dass sie Therèse bitten würde, ein Feuer im Kamin zu machen. Sie fröstelte und griff nach der Jacke, die über einen Sessel geworfen lag. Ihre Hände fuhren tief in die Taschen des weichen Mohairs und ballten sich zu Fäusten. La Rouge. Mort.
    Therèses Schlüssel im Schloss. Gleich würde sich alles aufklären. Im behäbigen Deutsch erzählt werden. Therèse stand in der Tür und versuchte, zu Atem zu kommen. In ihrem Gesicht wurde die Angst zu einer großen Erleichterung.
    „Sie leben“, sagte Therèse.
    „Natürlich lebe ich“, sagte sie.
    Erst, als sie ihre alte Aufwartefrau in die Küche geführt, ihr von dem Tee eingeschenkt hatte, der in silberner Kanne auf einem Rechaud heiß gehalten wurde, fand Therèse Worte.
    Sprach von der Toten, die in einem der Weinberge gefunden worden war. Erdrosselt mit einem roten Schal.
    „Ich dachte, die Haare seien es, die rot sind“, sagte sie.
    Therèse nickte. Cheveux rouge flamboyant, hatten ihr die Frauen zugerufen. La Rouge est morte.
    „Feuerrote Haare“, sagte Therèse, „feuerrote Haare soll die Tote haben.“
    „Du dachtest, ich sei es.“
    „Ja“, sagte Therèse und fing zu weinen an, und sie nahm die alte treue Seele tröstend in die Arme.
    Später, als das Feuer im Kamin brannte, setzte sie sich an den Sekretär aus hellem Eichenholz, um einen Brief zu schreiben. Natürlich lebe ich, hatte sie gesagt. Nichts war natürlich daran. Auch am Genfer See nicht.
    Der vertraute Name. Die vertraute Adresse, die sie auf das Kuvert aus dickem cremefarbenen Papier schrieb.
    An die sie geschrieben hatte, bis die Nachricht von seinem Tod zu ihr gelangte. Auch das schon lange her.
    Sie würde in die Stadt zurückkehren, in der das Verhängnis seinen Anfang genommen hatte. Sie war keine Frau, die abwartete, bis das Schicksal sie ereilte. Keine, die dem Henker den Hals hinhielt.

Hauptteil
    „Schrecklich“, sagte Anni Kock, „sieht ja so kahl aus.“
    Sie sah in die Ecke des Zimmers, in der eben noch eine drei Meter hohe Tanne gestanden hatte, und guckte vorwurfsvoll.
    Als sei Vera daran schuld, dass eine jede Weihnachtszeit ihr Ende fand, und die kleinen Geigen, Harfen und Trompeten aus silbernem Glas zurück in die Kartons gelegt wurden, das Engelshaar aus den Zweigen gezogen, die Kerzenhalter eingesammelt und vom Wachs befreit.
    „Wer weiß, was ist, wenn wir das wieder hervorholen“, sagte Anni, „ob wir dann noch alle da sind.“
    Sagte sie jedes Jahr. Nicht immer war es ihnen geglückt, sich alle wiederzufinden am Ende eines Jahres. Eines Tages war der alte Gustav Lichte nicht mehr dabei gewesen, und dann hatte Jef gefehlt, Veras Liebster und Vater ihres Kindes.
    „Klar sind wir das“, sagte Vera Lichte und trat auf die Terrasse, von der Nick versuchte, die Tanne vier Stockwerke tief abzuseilen. Der Tag war vielleicht ein wenig zu stürmisch für diese Aktion, doch Nick, Freund in allen Lebenslagen, hielt sich wacker im Wind.
    „Nicht, dass ihr mir mit der Tanne runter fallt“, rief Anni.
    „Sollten wir sie nicht lieber zersägen?“, fragte Vera.
    Nick schüttelte den Kopf. Er wollte das jetzt hinter sich haben.
    Veras Blick schweifte über die Dächer der zweistöckigen Häuser gegenüber hin zur nebelgrauen Alster.
    „Glaubst du, sie wird zufrieren?“, fragte sie.
    Nick knurrte. Er versuchte, die Tanne mit einem weiteren Knoten festzuzurren. Nach dem Zustand seiner vor Kälte starren

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