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Tochter des Windes - Roman

Tochter des Windes - Roman

Titel: Tochter des Windes - Roman
Autoren: Blanvalet-Verlag <München>
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1. Kapitel
    I ch werde oft gefragt, warum ich denn eigentlich in Japan lebe. Was soll ich antworten? Die Wahrheit sagen? Dass meine Frau mich verlassen und eine andere mir Wein über die Hose geschüttet hatte? »Ein Trankopfer für die Götter« lässt sich dann noch in galantem Ton hinzufügen, was bei jedem Small Talk Amüsement auslöst. Ich vereinfache natürlich. Was wirklich geschah, kann ich leider nicht in ein paar Worten zusammenfassen, und ich bin auch heute noch nicht imstande, die Ereignisse in ihrer ganzen Tragweite zu erfassen. Der Brocken war einfach zu hart für mich. Eigentlich fing alles ganz harmlos an, und der erste Anblick Japans war mir freundlich erschienen. Diesem Land hatte ich mich sogleich nahe gefühlt. Ich glitt sozusagen wie auf Flügeln in mein neues Leben. Nicht in meinen kühnsten Träumen hätte ich mir jemals vorstellen können, in eine derart verrückte Geschichte zu geraten. Eine Geschichte mit einem Spukhaus, einem Gespenst, das sich in mich verguckte, und Katastrophen jeglicher Art, bei denen die Erdachse geradezu ins Wackeln geriet. Und das meine ich nicht nur als rhetorische Floskel.
    Â 
    Aber zunächst stand ich, Rainer Wilhelm Steckborn, Kunsthistoriker (oder -hysteriker?), Dozent an der Universität Hamburg, Spezialist für italienische Renaissance, wie ein begossener Pudel da und schwelgte in Selbstmitleid. Den großen
Crash hatte ich nicht kommen sehen. SOS, Bauchlandung. Amalia – meine Mutter hatte mich vorgewarnt; ich aber hatte Stöpsel in den Ohren und hörte Mozart. Mutter hat ziemlich viel Lebenserfahrung. Sie hatte im Laufe der Jahre genug Munition für ihre Misanthropie gesammelt. Meinem Vater  – um ihn kurz zu erwähnen  – war die Welt wurscht gewesen, für ihn zählte nur die Musik. Er war freundlich, unpünktlich, total geistesabwesend. »Macht, was ihr wollt, aber lasst mich in Frieden«  – so ungefähr lautete sein Motto. Die Familie nannte er sein emotionales Umfeld, was auch immer er darunter verstand. Als er starb  – Herzinfarkt  –, war ich vierzehn. Worauf Mutter sich ihre längst fällige Depression mit Schlafmitteln und Alkohol leistete  – auf meinen Vater, den sie sehr liebte, war ja nie Verlass gewesen  –, und ich prompt durchs Examen fiel. Daraufhin färbte ich mir die Haare grün, soff, rauchte und schluckte alles Mögliche und Unmögliche. No future   – weder für mich noch für Amalia, und für die Schule schon gar nicht. Die ganze Welt war eine Mülldeponie, und ich hockte obendrauf, in bewährter Fötusposition, wobei mir kotzübel war.
    Tja, und dann fuhren Mutter und ich nach Italien, sie mit ihren Schlaftabletten, ich mit Sicherheitsnadeln in den Ohren. Eine trug ich sogar im Nasenloch, was sich als reichlich unpraktisch erwies, als ich Schnupfen bekam. Ich zog die Nadel unter Schmerzen heraus und konnte mir endlich die Nase putzen. Danach fühlte ich mich besser.
    Der Grund dafür, dass wir, um es mal hochtrabend auszudrücken, in Goethes Fußstapfen wanderten, hieß Liselotte, die Amalia Lilo nannte, eine ihrer zahlreichen glücklich geschiedenen Freundinnen. Lilo hatte ein Haus in der Toskana und fuhr für zwei Wochen nach Amalfi, mit jemandem, den sie eben nur als »jemand« bezeichnete. Wir sollten ihre Katzen und ihre Salate hüten. Mich bat sie freundlich, nichts
kaputt zu schlagen. Sie sah ja ein, dass wir vor dem dritten Weltkrieg standen, dass im Golf von Mexiko gerade vierhunderttausend Tonnen Öl ins Meer gelaufen waren  – höchst bedauerlich das Ganze, aber ob ich inzwischen wohl so nett wäre, ihren Kräutergarten zu begießen? Am besten frühmorgens oder abends, wenn die Hitze nachließ. Sie zeigte mir, wo der Gartenschlauch war und wo die Gießkannen standen. Und weg war sie, tschüss. Es war August, der Garten duftete nach Jasmin und Myrte. Ich hatte nicht viel Erfahrung mit dem Sommer. Der italienische Sommer war eben anders. Mutter kochte Tagliatelle und Rigatoni, ich pflückte die reifen Tomaten, und sie schmeckten sonnenwarm. Die drei schwarz-weißen Katzen sahen wir nicht oft. Sie kamen nur, wenn sie gefüttert werden wollten, starrten uns gebieterisch an und ließen sich bedienen. Gelegentlich strichen sie uns distanziert um die Beine. Das war alles.
    Lilo kam zurück,

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