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Titan-4

Titan-4

Titel: Titan-4
Autoren: Frederik Pohl
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ALGIRDAS JONAS BUDRYS
Die integrierten Menschen
     
    »Dein Schlips«, sagte Dexter Bergenholms Frau mit kritisch nüchternem Blick, als er die Hand auf die Türklinke legte. »Er paßt nicht zu deinen Socken.«
    Bergenholm drückte die Klinke und zog die Tür auf. »Ist schon gut, Liebes. Niemand wird es merken. Außerdem habe ich keine Zeit zum Wechseln.«
    »Binde dir einen anderen Schlips um.«
    Bergenholm schloß die Tür und ging zurück, sich einen anderen Schlips umzubinden.
    Doch mußte der erste Meißelhieb, der dem Tag die Form geben sollte, erst noch fallen. Alles, was er vor dem Verlassen der Wohnung getan hatte, war nicht mehr als Routine. Die Welt außerhalb seiner Wohnungstür war es, die ihm jeden Tag etwas Besonderes brachte, ein Geschehen, das sich nur an diesem einen Tag ereignete und so seine Individualität herstellte.
    Alle Tage beginnen wie andere Tage. Getönt von halb erinnerten Träumen und halb vorgestellten Erwartungen, gleicht einer dem anderen, bis sich das erste Ereignis einstellt und diesen als den Tag kennzeichnet, an dem (a) der Schnürsenkel schließlich riß, oder (b) die Miete fällig ist, oder (c) et cetera.
    Darum begann der Tag für Dexter Bergenholm erst richtig, als er die Wohnung verlassen hatte, munter pfeifend mit dem Aufzug hinuntergefahren war, die 14. Straße überquert, den Zeitungsstand an der Ecke 13. Straße und Avenue A erreicht und den gutgekleideten, graumelierten Herrn gesehen hatte, wie er vom Kioskhändler eine Münze in Empfang nahm und eine Zeitung auf das Zahlbrett legte.
    Man beachte bitte, daß dieser Vorgang sich oberflächlich kaum von jenem unterscheidet, wo der Käufer eine Münze auf das Zahlbrett fallenläßt und eine Zeitung mitnimmt. Dexter Bergenholm bemerkte jedoch durch Zufall diese umgekehrte Form des Handels.
    Das heißt, sein Unterbewußtsein bemerkte es und rumorte, um die Tatsache dem Bewußtsein mitzuteilen, das sich mittlerweile so an das eingefahrene Ritual des Zeitungskaufs gewöhnt hatte, daß es nicht einmal zwinkerte. Aber als Bergenholm seine Münze hinlegte und natürlich die Zeitung bekam, die der gutgekleidete Herr gerade zurückgelassen hatte, erzielte sein Unterbewußtsein einen Volltreffer. Die Schlagzeile lautete:
    STUFE EINS: STREITEREIEN IN DER UNO
    Bergenholm pfiff durch die Zähne, dann legte er den Kopf auf die Seite, um die Schlagzeile der nächsten ›Times‹ auf dem Stapel zu lesen. Diese lautete:
    ABRÜSTUNGSGESPRÄCHE DER UNO WERDEN FORTGESETZT
    Seltsam, dachte er. Er sah die Zeitung in seiner Hand genauer an. Ein Scherz, vielleicht?
    Wenn es sich so verhielt, war es ein sehr gründlich ausgearbeiteter Scherz. Das Blatt gab sich in der vertrauten altenglischen Schrift als ›The New York Times‹ aus, und das Datum war, wie es sich gehörte, der 6. Mai 1954. Aber der Wetterbericht für die Region New York prophezeite: ›Regen von 6:30 bis 11:54 Uhr, gefolgt von wolkigem, aber trockenem Wetter bis 14:17 Uhr, worauf es zwischen 14:17 und 15:03, 16:56 und 17:39 und 22:02 und 22:48 Uhr zu Regenschauern kommen wird, die sich in den morgigen Tag hinein fortsetzen werden.‹
    Ah? dachte Bergenholm, gefolgt von uh! Selbst für die ›Times‹ war dies Meteorologie von unbekanntem Niveau.
    Die Zeit reichte nicht für eine genauere Untersuchung, doch mit der Absicht, dies später nachzuholen, kaufte er ein Exemplar der ›Times‹ mit der Abrüstungsschlagzeile, steckte beide Zeitungen unter den Arm und eilte zur Bushaltestelle. Seine Aufmerksamkeit galt der Uhrzeit, der Zahl der Wartenden an der Haltestelle und der Frage, ob er in den Bus hineinkommen und rechtzeitig seinen Arbeitsplatz erreichen würde; trotzdem bemerkte er, daß der gutgekleidete Mann an der anderen Ecke einem fahrenden Lastwagen winkte.
    Der Lastwagen hielt an, an der Seite seines kastenartigen Aufbaus wurde eine Art Schiebetür geöffnet, und der Mann stieg ein. Bergenholm glaubte im Innern des Lastwagens Sitze und Fahrgäste auszumachen, sogar eine durchlaufende horizontale Stange mit Halteschlaufen, an denen Passagiere hingen und mit der gleichen verbissenen Apathie, die die Fahrgäste in Bergenholms Linienbus auszeichnete, ihre Zeitungen lasen. Für einen Augenblick hätte er sogar schwören mögen, daß der Schaffner dem gutgekleideten Mann beim Einsteigen eine Münze übergab.
    In der Mittagspause verglich er die beiden Zeitungen mit erschöpfender Gründlichkeit. Zwar brachten beide Versionen im wesentlichen die gleichen Nachrichten, während

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