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Tijuana Blues

Tijuana Blues

Titel: Tijuana Blues
Autoren: Gabriel Trujillo Muñoz
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Mezquite Road
     
1
     
    Der marineblaue Suburban fuhr durch die dürre Ebene. Am Rand einer Schlucht hielt er an. Zwei Männer stiegen aus dem Geländewagen. Sie betrachteten die Landschaft. Der jüngere holte ein Fernglas heraus und inspizierte im gräulichen Licht des erwachenden Tages den Horizont, um sich zu vergewissern, dass die Wüsteneinsamkeit durch nichts gestört wurde.
    Die Männer zogen Handschuhe an und öffneten die Heckklappe. Unter großen Mühen zerrten sie ein in Leinen geschnürtes Bündel heraus und schleppten es zu der Schlucht. Ein dumpfer Schlag bezeugte, dass das Bündel unten angekommen war.
    Sie gingen zum Suburban zurück und wiederholten das Ganze noch zweimal. Die Wüste bot ein verhaltenes Lichtspiel. Ein rötlicher Glanz, der Himmel und Erde gleichermaßen erstrahlen ließ. Die Männer stiegen wieder ein, ohne es zu bemerken. Der Lieferwagen kehrte dorthin zurück, wo er hergekommen war. Eine Staubwolke verlor sich in der Ferne.
    Minuten später fiel ein Fliegenschwarm über die Schlucht her und schwirrte über den Bündeln herum, die durch den Aufprall ihren Inhalt offenbart hatten. Eine Fliege lief über das violette Gesicht eines Jungen. Eine andere setzte sich auf den blutigen, zersplitterten Knochen, der aus dem Bein eines älteren Mannes aufragte. Eine dritte ließ sich in der Hirnmasse eines gespaltenen Schädels nieder.
    In dem Moment färbte sich der Himmel wie auf einer Postkarte für Touristen.
    Von Osten kam ein erster heller Lichtstrahl.
     
2
     
    Der Mann wusste nicht, was er tun sollte. Er verbarg die Hände in den Taschen und senkte den Blick. Er hatte sich bereits daran gewöhnt, zu betteln, um Gnade zu flehen, beherrscht von größeren, stärkeren Mächten.
    »Sie kennen das«, murmelte er, »es kribbelt, man ist erregt, man glaubt, jetzt kommt die Glückssträhne. Aber es stimmt nicht, es ist nur eine Täuschung, eine Falle. Die verfluchte Hoffnung, sonst nichts.«
    Die Frau ließ den Rauch ihrer Zigarette in Spiralen aufsteigen. Als ob die Worte des Mannes sie nicht erreichten, als wären sie Teil des sie umgebenden Rauches.
    »Sie müssen das verstehen. Ich habe es gewagt, Sie um so viel zu bitten, weil ich geglaubt habe, es Ihnen zurückzahlen zu können. Das mit dem Zinseszins habe ich nicht gewusst.«
    Die Frau schüttelte die Asche ab, die auf ihre Kleidung gefallen war. »Einhundertfünfzigtausend Dollar, findest du das wenig?«
    »Nein, aber ich kann meine Schulden immer noch bezahlen.«
    »Ich wüsste nicht wie. Du hast keinen eigenen Besitz mehr. Du lebst vom Geld deines geliebten Schwiegervaters. Ich weiß wirklich nicht, wie ich dir helfen könnte, aus diesem Schlamassel herauszukommen. Und du kannst mir glauben, ich hätte das größte Interesse daran.«
    Der Mann ergriff wieder die Initiative. Die Frau wollte ihm antworten, aber der Zigarettenrauch ließ sie mehrfach husten.
    »Zeit. Ich brauche Zeit«, sagte der Spieler schließlich.
    Die Frau trank ein wenig Wasser und schlug sich ein paar Mal auf die Brust. »Mein Freund, ich bin nicht die Jungfrau von Guadalupe, die für dich ein Wunder geschehen lässt. Ich verlange Geld für meine Dienste, ich verschenke sie nicht.«
    »Das Spiel … es ist … es macht süchtig.«
    »Glaubst du, das weiß ich nicht? Oder denkst du, ich bin aus Nächstenliebe in diesem Geschäft?«
    »In einem Monat zahle ich Ihnen alles zurück.«
    Die Frau zündete sich eine weitere Zigarette an und starrte gegen die Holzdecke. »Also, dann erklär mir mal, wie du mir das zurückzahlen willst. Ich habe schon mit Don Gregorio gesprochen, und er hat mir gesagt, er würde sich nicht um deine Schulden kümmern, du wärest alt genug, um selbst damit klarzukommen.«
    Der Mann wurde wütend. Seine Reaktion brachte die Frau zum Lachen.
    »Ich bin geschäftsfähig. Ich brauche die Unterschrift meines Schwiegervaters nicht, um da rauszukommen.«
    »Uiuiui, du spuckst aber ganz schön große Töne!«
    »Geben Sie mir eine Woche. Das reicht. Ich werde sehen, was sich machen lässt.«
    »Du wirst gar nichts sehen, mein Junge, denn ich sehe, und zwar sehr gut, wie fertig du bist. Ohne Geld, ohne Besitz, ohne Schwiegervater und ohne Kreditkarten.«
    »Haben Sie noch ein bisschen Geduld.«
    Die Frau schloss die Augen und blies den Rauch betont langsam aus. »Verschwinde. Und komm erst wieder her, wenn du hast, was du mir schuldest.«
    Das Gesicht des Mannes hellte sich auf, als hätte man ihm in letzter Sekunde doch noch einen Gnadenerlass

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