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Thennberg oder Versuch einer Heimkehr

Thennberg oder Versuch einer Heimkehr

Titel: Thennberg oder Versuch einer Heimkehr
Autoren: Gyoergy Sebestyen
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W
    enn du nichts zu essen hast, hatte zu ihm Markus Löw gesagt, dann such dir einen Bach und fang dir einen Fisch, einen Bach zu finden, das ist eine Kleinigkeit, einen Bach findet man überall, irgendeinen, und wo es einen Bach gibt, dort gibt es auch einen Fisch, den fängst du dir mit einem Korb oder mit einer leeren Konservenbüchse oder mit der Hand, dann nimmst du ihn am Schwanz und haust ihn mit dem Kopf auf einen Stein, einen Stein findet man überall, irgendeinen, und nachher machst du ein Feuer und nimmst dem Fisch seinen Darm heraus und steckst ihm einen Zweig in das Maul, und dann brätst du den Fisch und stillst deinen Hunger. So hatte er es gesagt, stillst deinen Hunger, und war dann weitergegangen, ohne Abschied, ohne Händedruck, ohne sich nochmals umzudrehen, weiter an der Leiche des verrückten Adalbert Friedländer vorbei auf die Baracke zu, in der sie während der letzten Monate nebeneinander gelegen waren, und beieinander, wenn es kalt war, auf einem Strohsack, in dem es längst kein Stroh mehr gab, unter einer Pferdedecke, die längst keine Decke mehr war, sondern ein grauer Fetzen, starr vor Schmutz an den Rändern, und sonst wie ein zerrissenes Sieb.
    Also dann auf nach Thennberg, vielleicht komme ich vorbei, hatte gerade noch Markus Löw gesagt, und ist dann weitergegangen, ohne Gruß, obwohl er ein höflicher Mensch war, zu höflich sogar, lächerlich höflich; den Strobl zum Beispiel grüßte er jedes Mal, wenn er ihn traf, mit einer kleinen Verbeugung, Habe die Ehre, Herr Strobl, sagte er jedes Mal, wie er’s zu seinen Kunden gesagt haben mochte oder zu den paar Juden der heimatlichenKleinstadt am Samstagvormittag vor dem Gebetshaus. Habe die Ehre, Herr Strobl, sagte er und lächelte dazu, obwohl das alles nicht mehr notwendig gewesen wäre in den letzten Tagen, denn der SS-Mann Strobl – in Zivil Bäckergeselle aus Ottakring, wie man erzählte – hatte zuerst das forsche, nordische Deutsch, in dem er bis dahin Befehle erteilt hatte, abgelegt, und danach auch den Gesichtsausdruck eines Teufelskerls, der er offenbar doch nicht war, und schließlich war ihm nichts mehr übrig geblieben außer seinem Hund, diesen aber führte er nun an der Leine. Die übrigen Teufelskerle, die das Konzentrationslager bis dahin bewacht hatten, waren verduftet, da die Russen in jedem Augenblick, aber spätestens binnen drei Tagen eintreffen mussten, nur Strobl war dageblieben, vielleicht hatte er geheime Verbindungen zu den Russen, vielleicht wartete er auf neue Befehle, vielleicht war er wahnsinnig geworden wie Adalbert Friedländer, man konnte es nicht wissen, er war jedenfalls da und führte Punkt sechs Uhr morgens und Punkt zwölf Uhr mittags und Punkt sechs Uhr abends seinen Hund spazieren. Manche wollten ihn mitsamt seinem Hund aufhängen und andere sahen über ihn hinweg, weil sie keine Kraft mehr hatten, etwas anderes zu tun als über jeden und alles hinwegzusehen, Markus Löw aber grüßte weiterhin höflich, er ver beugte sich leicht, was aussah, als baumelte eine Strohpuppe im Wind, er sagte, Habe die Ehre, Herr Strobl, wollte es gewiss laut und deutlich sagen und konnte nichts dafür, dass es leise klang und quietschend, als wäre jedes einzelne Wort ein rostiger Eimer, den man an einer rostigen Kette emporzukurbeln hat aus einem verschmutztenBrunnen, mit Hilfe eines ungeölten Haspelrades; und dann lächelte er. Es wirkte komisch, dieses Lächeln: Im Gesicht des Markus Löw, das unter den Bartstoppeln weiß war und wie aus Gips, war plötzlich ein dunkles Loch entstanden, und der Kopf fiel zugleich ein wenig nach rechts. Adalbert Friedländer war einmal dabeigestanden und hatte, nachdem Strobl vorbeigegangen war, folgendes gesagt: Aussehen tun Sie, als hätt’ man Sie in die Visage getreten, direkt wie ein Clown. Strobl tat so, als wäre er mit seinem Hund oder mit fernen, für andere nicht wahrnehmbaren Ereignissen beschäftigt, jedes Mal, wenn ihn Markus Löw grüßte, tat er so; dann aber, als die Russen tatsächlich eingetroffen waren und Strobl abführten, beugte er sich nicht mehr zum Hund hinunter, denn dieser war von einem uniformierten russischen Knaben erschossen worden, sondern blickte an Markus Löw und an den anderen vorbei in die Ferne, und zwar ausgerechnet auf jenen einsamen Baum, auf dem er von den Wütendsten hätte aufgeknüpft werden sollen.
    Wenn du nichts zu essen hast, begann da Markus Löw, aber er sprach nicht weiter, denn der wahnsinnige Adalbert Friedländer wurde

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