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The Doors

The Doors

Titel: The Doors
Autoren: Greil Marcus
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Prolog:
Light My Fire, 1967
    ALS DIE DOORS am 30. September 1967 im Family Dog in Denver auftraten, einem Ableger des Avalon Ballroom in San Francisco, wo sie in den ersten Monaten des Jahres oft gespielt hatten, war »Light My Fire« bereits ein landesweiter Nummer-eins-Hit gewesen. Tatsächlich hatte die Nummer in jenem Jahr für mehr Aufsehen gesorgt als jeder andere Hit. Zuerst hatte einen die knapp siebenminütige Originalfassung des Nachts aus dem Radio angesprungen, wenn man einen der wenigen, damals noch neuen FM -Rock-’n’-Roll-Sender erwischte, die eher ein Gerücht als etwas Reales zu sein schienen. Danach hatte eine gekürzte, dreiminütige Fassung die auf die Top 40 abonnierten AM -Sender erobert und deren Hörer dazu gebracht, in die Plattenläden zu stürmen oder im Radio nach einem FM -Sender zu suchen, damit sie sich die komplette Version anhören konnten – oder sie hatten zum Telefonhörer gegriffen und die AM -Discjockeys aufgefordert, den Song in seiner ganzen Länge abzuspielen, was diese dann bald auch taten.
    An jenem Abend in Denver konnte man also davon ausgehen, dass jeder im Publikum den Song mindestens vier- bis fünfhundert Mal gehört hatte. Die Doors hatten ihn bereits seit mehr als einem Jahr bei ihren Shows zum Besten gegeben, zunächst im London Fog, einer Kaschemme in einer Seitenstraße des Sunset Strip in Los Angeles, anschließend im berühmten, direkt am Sunset Strip gelegenen Whisky à Go Go und auch bei all ihren Shows danach. Sie spielten den Song bereits, als sie noch völlig unbekannt waren, und sie spielten ihn auch dann noch, als die Band so vielen Leuten ein Begriff war, dass der Name »The Doors« mehr als vierzig Jahre nach dem Tod des Sängers – nachdem dieser weitaus länger unter der Erde lag, als er gelebt hatte – noch immer auf Resonanz stieß. Und diese Resonanz hatte nichts mit Nostalgie zu tun. Es ging dabei vielmehr um das, was möglich war, um Versprechen, die gemacht worden waren, aber noch immer eingelöst werden mussten, um Versprechen, die im wirklichen Leben zwangsläufig unerfüllt blieben, in der hinterlassenen Musik jedoch wieder und wieder eingelöst wurden.
    »Wir haben das wirklich nicht kommen sehen, diese neue Welt des hemmungslosen Individualismus und der Vergötzung des Profits«, schrieb die britische Romanautorin Jenny Diski 2009. »Aber vielleicht war das nicht anders zu erwarten. Es ist schließlich möglich, dass wir einfach jung waren, und jetzt sind wir einfach alt und blicken, so wie es jede Generation tut, voller Wehmut auf unsere besten Jahre zurück. Vielleicht sind die Sixties ja nichts weiter als eine in unseren Köpfen herumspukende Idee, die sich schon lange überlebt hat – mit Ausnahme der Musik natürlich.«
    Es gab diejenigen – die überwiegende Mehrzahl, zweifellos –, die zur Mitte der Siebzigerjahre, nachdem sie ihre wilde Jugendzeit hinter sich gebracht hatten, in einen anständigen Anzug schlüpften, sich einen Job suchten und fortan ein geregeltes Leben führten und die all das wurden, was sich ihre Eltern stets gewünscht hatten – für die das Ganze, wie liberalere Erwachsene schon immer gesagt hatten, lediglich eine vorübergehende Phase gewesen war. Doch einige Leute – die man heutzutage als Idealisten verspottet – blieben bei ihrer Überzeugung, dass es »die Gesellschaft« gibt und dass es sie weiterhin geben wird, trotz der harten Jahre unter Margaret Thatcher und trotz der darauffolgenden, offiziell anerkannten Jahrzehnte des Eigennutzes und der Habgier. Wir sind das enttäuschte Überbleibsel, der kümmerliche Rest der Sixties.
    Dieses Drama fand allerdings schon statt, als es erst zwei Monate her war, dass »Light My Fire« die Charts angeführt hatte.
    Wie können wir aus diesem Song etwas machen, was die Leute noch nie gehört haben? Wie können wir daraus etwas machen, was wir noch nie gehört haben?
    Am 30. September hebt Jim Morrison bei den ersten beiden Malen, wo er in den Refrains das Wort fire erreicht, die Stimme, als würde er mit den Händen über die einzelne Silbe streichen – er vermittelt einem dabei mit jedem Refrain, dass die Idee dieses Wortes für ihn etwas völlig Neues ist, und so wird man jedes Mal davon überrascht. Man hat das Wort in dem Song registriert, doch man hat noch nicht begonnen, jenes Feuer so weit zu verfolgen, wie es geht – das ist das Gefühl. »Fire« – das ist eine Tür, die, aus der Ferne betrachtet, vom Wind aufgeschlagen wird.
    Hört man sich

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