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The Dead Forest Bd. 1 Die Stadt der verschwundenen Kinder

The Dead Forest Bd. 1 Die Stadt der verschwundenen Kinder

Titel: The Dead Forest Bd. 1 Die Stadt der verschwundenen Kinder
Autoren: O'Brien Caragh
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schulterte Gaias Rucksack.
    Sie sah zu ihm auf, sah seine Entschlossenheit, und konnte nicht widersprechen. »Gib gut auf diese Bücher acht«, bat Gaia Emily.
    »Das werde ich. Das verspreche ich dir. Und du gib auf dich selbst acht, hörst du?« Emily umarmte sie fest und stürmisch. »Ich werde dich vermissen.«
    Der Regen hatte ganz aufgehört, und die Straßen Wharftons lagen still. Nur wenige Grüppchen waren nach dem Feuerwerk noch draußen geblieben. Nebel hing in der Luft, zusammen mit einem stechenden Geruch von den Sprengkörpern. Einmal vernahm Gaia laute Stimmen und Klopfen, doch als sie sich weiter von der Mauer entfernten und dem Trockensee näherten, war nichts mehr zu hören. Sie und die Männer gingen schnell und vermieden die wenigen Lichter, die sie an das Objektiv einer Kamera hätten verraten können. Gaia hegte keinen Zweifel, dass Bruder Iris an seinem Bildertisch auf jede noch so kleine Bewegung achtete, bereit, ihnen seine Soldaten auf den Hals zu hetzen.
    Sie erreichten den Trockensee und wandten sich nach Westen. Die Weite des Trockensees war eine lastende schwarze Leere zu ihrer Linken, die die spärlichen Bäche und Rinnsale zu ihren Füßen verschlang. Bald kamen sie an Gaias altem Viertel und der Sally Row vorbei. Einen Moment dachte sie an ihr altes Zuhause, die schattige Veranda, den Geruch von Stoff, der in der Sonne trocknete, das Klingeln des Windspiels. Sie konnte ihren Vater das Pedal der Nähmaschine bedienen hören. Sie konnte ihre Mutter sehen, wie sie den blauen Teekessel ausspülte. Sie versuchte sich vorzustellen, wie ihr Leben verlaufen wäre, wenn die Wachen ihre Mutter nie festgenommen hätten, wenn sie zu Hause hätte bleiben können, schwanger und gesund, und sich mit ihrem Mann an ihrer späten, kleinen Tochter hätte erfreuen können. Dann schaute sie in Richtung des Armenfriedhofs, der unsichtbar in der Nacht lag, und fragte sich, ob man ihre Mutter auch dort begraben würde, neben ihrem Vater.
    Gaia spähte in die Dunkelheit, hielt ihren Blick geradeaus gerichtet, bis sie die letzte Häuserreihe erreichten, das letzte Haus, dann den letzten Hof.
    »Es ist gut«, sagte sie.
    Kyle übergab ihr den Rucksack. Sie rückte ihn zurecht, um die Belastung für ihre Schulter möglichst gering zu halten. Dann vergewisserte sie sich, dass der Gurt vor ihrer Brust noch im Gleichgewicht war. Sie zog ihren Rock ein wenig hoch und lachte, als sie feststellte, dass sie noch immer die weißen Stiefel trug. Wenigstens waren sie bequem.
    »Alles Gute, Gaia«, sagte Kyle sanft und umarmte sie fest. Als Nächster kam Theo an die Reihe. »Hast du alles?«, fragte er.
    Sie griff nach der Uhr, die sie unter dem Kleid um ihren Hals trug. »Ja«, sagte sie. »Liebe Grüße an Amy.«
    »Und du findest deine Sterne?«, fragte Theo.
    Sie sah zum wolkenverhangenen, dunklen Himmel hoch. Ein milchiger Fleck verriet den Mond hinter den schnell dahinziehenden Wolken. »Das werde ich«, sagte sie. »Sobald sie sich zeigen.«
    Theo schloss sie ein letztes Mal in seine Arme. »Du bist ein tapferes Mädchen«, sagte er.
    Aber welche Wahl hatte sie denn – sie tat ja nur, was sie tun musste. Mit einem letzten Winken ging sie alleine davon in die Nacht. Sie stellte fest, dass ihre Augen sich bereits an das Dunkel gewöhnt hatten und dass es gerade genug Licht gab, damit sie nicht über Steine oder Grasbüschel stolperte. Die Straße wurde unwegsamer und schmaler und verschwand schließlich ganz. Zikaden zirpten in der feuchten Nacht. Nachdem sie einige Zeit gelaufen war, drehte sie sich noch einmal nach den anderen um, aber da waren nur die Lichter der Enklave, die sich den Hügel empor bis zur Bastion zogen.
    Sie wischte sich eine Strähne aus den Augen, und ihre Fingerspitzen streiften die vertraute Narbenhaut an ihrer linken Wange. Sie rückte das warme Gewicht des Babys in seinem Gurt zurecht und wandte sich wieder ihrem Weg zu, der jetzt leicht anzusteigen begann, und vorsichtig hob sie ihre Stiefel für jeden einzelnen Schritt in die grenzenlose Weite: kein Baum, tot oder lebendig, auf dieser Seite des Horizonts.
    Auf dem Gipfel der ersten Anhöhe hielt sie ein letztes Mal inne, um zurückzusehen. Die weiße, geschwungene Linie der Mauer war deutlich sichtbar unter den fernen Flutlichtern und schnitt das ungeschlachte Hügelland in zwei Teile. Darunter ein paar schwache Spiegelungen und einige wenige, vereinzelte Lichter. Oberhalb der Mauer aber war die Enklave mit hellen Lichtpunkten übersät,

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