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The Dead Forest Bd. 1 Die Stadt der verschwundenen Kinder

The Dead Forest Bd. 1 Die Stadt der verschwundenen Kinder

Titel: The Dead Forest Bd. 1 Die Stadt der verschwundenen Kinder
Autoren: O'Brien Caragh
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1
    Die Babyquote
    Im Halblicht der ärmlichen Hütte zwang sich die Frau, ein letztes, qualvolles Mal zu pressen, und das Baby glitt heraus, in Gaias griffbereite Hände.
    »Gut gemacht«, lobte sie. »Wundervoll. Es ist ein Mädchen.«
    Das Baby schrie ungehalten, Gaia aber seufzte erleichtert, als sie Finger, Zehen und den Rücken abtastete. Es war ein gutes Baby, gesund und wohlgeformt, bloß klein. Sie wickelte es in eine Decke und hielt das Bündel dann in den flackernden Feuerschein, damit die erschöpfte Mutter ihr Kind sehen konnte.
    Gaia wünschte, ihre eigene Mutter wäre hier, vor allem, um sich um die Nachgeburt und das Kind zu kümmern. Sie wusste, dass sie der Frau das Kind eigentlich nicht geben durfte, nicht einmal einen kurzen Moment, aber jetzt griff diese schon danach, die Hände zärtlich ausgestreckt. »Bitte«, flüsterte sie, und Gaia brachte es einfach nicht übers Herz. Sie reichte ihr das Baby, und die Schreie verebbten. Sie versuchte, den sanften, beruhigenden Singsang zu überhören, während sie gründlich und vorsichtig, wie ihre Mutter es sie gelehrt hatte, zwischen den Beinen der Frau sauber machte. Sie war aufgeregt und auch ein wenig stolz. Das hier war ihre erste Geburt. Sie hatte ihrer Mutter schon oft assistiert und seit Jahren gewusst, dass sie einmal Hebamme werden würde. Heute war es endlich so weit.
    Fast geschafft. Sie holte den kleinen Teekessel und die beiden Tassen aus der Tasche, die ihre Mutter ihr vor einem Monat zu ihrem sechzehnten Geburtstag geschenkt hatte. Sie goss Wasser in den Kessel und schürte das Feuer, dessen Widerschein mild auf der Mutter mit ihrem kleinen, ruhigen Bündel schimmerte.
    »Das hast du gut gemacht«, lobte Gaia noch einmal. »Dein wievieltes Kind ist es doch gleich? Vier, sagtest du?«
    »Sie ist mein erstes«, sagte die Frau, ihre Stimme warm vor Ehrfurcht und Behagen.
    »Wie bitte?«
    Die Frau lächelte scheu und strich sich in einer verlegenen Geste eine schweißnasse Locke hinters Ohr. »Ich wollte es dir vorher nicht sagen. Ich hatte Angst, du würdest nicht bleiben.«
    Gaia ließ sich neben das Feuer sinken, hängte den Kessel an die Metallstange und schob ihn über die Flammen, damit er sich erwärmte.
    Die erste Niederkunft war immer die schwerste, die gefährlichste, und obwohl diese hier glimpflich verlaufen war, wusste Gaia, dass sie Glück gehabt hatte. Das wäre die Sache einer erfahrenen Hebamme gewesen, auch wegen dem, was als Nächstes kommen würde.
    »Ich hätte dich nicht im Stich gelassen«, sagte Gaia sanft, »aber nur, weil niemand sonst gekonnt hätte. Meine Mutter war schon auf dem Weg zu einer anderen Geburt.«
    Die junge Frau schien ihr kaum zuzuhören. »Ist sie nicht wunderschön ?«, murmelte sie. »Und sie gehört mir. Ich werde sie behalten.«
    Oh nein , dachte Gaia. Ihr Wohlbehagen und ihr Stolz lösten sich in Luft auf, und sie wünschte sich nun mehr denn je, dass ihre Mutter bei ihr wäre. Oder wenigstens die alte Meg. Oder überhaupt irgendjemand.
    Gaia öffnete ihre Tasche und nahm eine frische Nadel und ein Fässchen braune Tinte heraus. Sie gab ein paar Teeblätter aus der Dose in den Kessel. Langsam füllte sich der Raum mit einem ahnungsvollen Duft, und die Frau lächelte wieder müde und entspannt. »Wir haben uns nie unterhalten«, sagte sie, »aber ich habe dich und deine Mutter oft gesehen, auf dem Marktplatz und auf dem Weg hoch zur Mauer. Jeder sagt, dass du eine genauso gute Hebamme wie deine Mutter werden wirst, und jetzt kann ich das bestätigen.«
    »Hast du einen Ehemann? Eine Mutter?«, fragte Gaia.
    »Nein. Sie leben nicht mehr.«
    »Wer war der Junge, den du zu mir geschickt hast? Dein Bruder?«
    »Nein. Nur ein Kind, das gerade vorbeikam.«
    »Also hast du niemanden?«
    »Nicht mehr. Aber jetzt habe ich ja mein Baby, meine Priscilla.«
    Ein schlechter Name , dachte Gaia. Doch das Mädchen würde ihn sowieso nicht lange tragen. Gaia streute eine Prise Herzspannkraut in die Tasse der jungen Mutter und goss dann schweigend Tee in beide Tassen, während sie überlegte, wie sie es am besten angehen sollte. Sie ließ ihr Haar nach vorn fallen, sodass es die linke Seite ihres Gesichts verdeckte, und packte den leeren, noch warmen Kessel in ihre Tasche.
    »Hier«, sagte sie, reichte der jungen Frau auf dem Bett die mit Herzspannkraut versetzte Tasse und nahm ihr vorsichtig das Kind ab.
    »Was tust du da?«, fragte die Mutter.
    »Trink einfach. Das wird dir gegen die Schmerzen helfen.« Gaia

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