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Taquanta: Zwischen Traum und Wirklichkeit (German Edition)

Taquanta: Zwischen Traum und Wirklichkeit (German Edition)

Titel: Taquanta: Zwischen Traum und Wirklichkeit (German Edition)
Autoren: Andrina L. Vögele
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I
    »Nein!«
    Ich drehte mich um und stürmte die marmorne Wendeltreppe hinauf, noch bevor mein Vater das Wort ausgesprochen hatte. Ich hatte es schon mindestens tausendmal gehört und hasste es. Es war so endgültig und jagte mir jedes Mal einen Schauer über den Rücken. Nicht, wenn jemand es einfach in einer Konversation fallen liess, sondern wenn mein Vater es in genau diesem Tonfall sagte. In diesem Tonfall, der ausdrückte, dass es so war und dass nichts seine Meinung ändern konnte. Dabei sah er mich immer auf eine spezielle Weise aus seinen smaragdgrünen Augen, die genau meine Augenfarbe widerspiegelten, an. Er war sich gar nicht bewusst, welche Wirkung dieser Blick auf mich hatte. Es fühlte sich dann so an, als wäre es nicht mein Vater, der mir etwas verbat, sondern ein Fremder. Ich mochte dieses Gefühl nicht. Ich war nicht vor ihm oder von dem von mir verhassten Wort weggerannt, sondern vor diesem Gefühl. Ich rannte in mein Zimmer, knallte die Tür zu und warf mich auf mein frischbezogenes Bett. Die sonst immer ordentlich aussehende, faltenlos ausgebreitete Tagesdecke beulte sich aus, aber es war mir ausnahmsweise egal. Ich hatte ja gewusst, dass wir an diesem Abend Gäste erwarteten, aber ich hatte ihn trotzdem darum gebeten, mich ein oder zwei Stunden zu entschuldigen, damit ich mit meinen Freunden essen gehen konnte.
    »Nein«, murmelte ich gehässig.
    »Nein, nein, nein, nein!«, schrie ich die geschlossene Zimmertür an. Jetzt musste ich auch noch absagen. Natürlich war es dumm gewesen, überhaupt zuzusagen, aber ich hatte gehofft, wenn ich lange genug so tat, als dürfe ich gehen, dass es dann auch eintrat. Aber natürlich tat es das nicht. Genervt nahm ich mein Handy zur Hand und feuerte eine kurze, entschuldigende SMS an meine beste Freundin Zoe ab. Sie anzurufen wäre jetzt wohl keine gute Idee, denn meine Stimmung war nicht gerade vielversprechend. Also, eigentlich schon, wenn man sich eine Ladung Beschwerden und mürrische Bemerkungen anhören wollte. Eine Weile blieb ich noch auf meinem Bett sitzen, starrte an die Decke und malte mir aus, was wohl mein Vater sagen würde, wenn ich plötzlich mit roten Haaren und kreideweiss geschminkt nach Hause käme. Irgendwie gefiel mir die Idee, ich konnte förmlich vor mir sehen, wie seine Augen sich weiten würde, wie er mich zuerst wortlos anstarren und dann wahrscheinlich anschreien würde. Er würde verlangen, dass ich es wieder rückgängig mache, und zum Schluss würde er vielleicht damit drohen, mich ins Internat zu stecken. Ja, das würde er ganz sicher. Das tat er jedes Mal. Ich nahm eine Strähne meines Haares zwischen die Finger und inspizierte sie. Sie war von einem satten Kastanienbraun und ein bisschen gewellt, wie der Rest meiner Mähne. Rot, hm. Oder dochlieber strohblond? Ich hatte mir früher immer bodenlange, blonde Haare gewünscht. Nein, lieber doch nicht. Die Leute machten mir immer genau zwei Komplimente: Für meine Augen und für meine gepflegten Haare. Das wollte ich nicht aufs Spiel setzen.
    Seufzend stand ich auf und schüttelte meine steifen Beine aus. Ich atmete tief ein und aus, wie ich es beim Yogakurs gelernt hatte, bis ich mich unter Kontrolle hatte. Stolz ging ich zu meinem Schrank. Ich wollte gerade eines meiner schöneren Kleider vom Bügel streifen, als mein Telefon den Eingang einer neuen Mitteilung von Zoe signalisierte. Selbstverständlich verstand sie es, und sie würde es den anderen sagen. Sie würde behaupten, ich hätte Kopfschmerzen. Sie fände es schade, dass ich nicht dabei sein würde, doch beim nächsten Mal würde es sicher klappen. Wie immer fand sie genau die richtigen Worten, so wie es nur wahre Freundinnen können. Es änderte trotzdem nichts daran, dass mich die Wut auf meinen Vater noch einmal packte, und zwar so heftig, dass ich einen Stapel Zeitschriften mit einer schwungvollen Bewegung von meinem Pult fegte. Ich starrte das Chaos auf dem Boden an. Ein Teil von mir wollte sie einfach dort liegen lassen, aber am Ende gewann die Seite in mir, die den Putzfimmel meiner Grossmutter geerbt hatte. Ich schürzte die Lippen, bückte mich, hob dann die Magazine mürrisch wieder auf und legte sie in einem ordentlichen Stapel auf meinen Schreibtisch zurück. Für einen Moment betrachtete ich mein Werk. Es juckte mich in den Fingern, sie wieder hinunterzuwerfen, aber ich würde sie ja doch nur wieder einsammeln, daher verstreute ich sie einfach unordentlich auf meinem Schreibtisch. Mit einem sauren

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