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Tante Julia und der Kunstschreiber

Tante Julia und der Kunstschreiber

Titel: Tante Julia und der Kunstschreiber
Autoren: Mario Vargas Llosa
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ich Genaro jun. Er war überglücklich und zerrte mich am Arm ins Bransa: »Ich muß dir etwas ganz Phantastisches erzählen.« Er war einige Tage geschäftlich in La Paz gewesen und hatte dort Pedro Camacho, jenen vielseitigen Mann, in Aktion gesehen. »Das ist kein Mann, das ist eine ganze Industrie«, verbesserte er sich voller Bewunderung. »Er schreibt alle Theaterstücke, die man in Bolivien zeigt, und inszeniert sie auch selbst. Er schreibt auch alle Hörspiele und leitet sie und spielt in allen den Liebhaber.«
    Aber mehr noch als seine Produktivität und Wortge wandtheit hatte ihn seine Beliebtheit beeindruckt. Um Pedro Camacho im Teatro Saavedra von La Paz sehen zu können, hatte er die Eintrittskarten im Wiederverkauf zum doppelten Preis erstehen müssen.
    »Wie bei einem Stierkampf, stell dir das vor«, staunte er. »Wer hat jemals in Lima ein Theater so gefüllt?« Er erzählte, daß er zwei Tage nacheinander Mädchen, junge und alte Frauen vor den Toren von Radio Illimani dicht gedrängt auf ihr Idol hatte warten sehen, um ein Autogramm von ihm zu erbetteln. Die McCann Erickson von La Paz hatte ihm außerdem noch versichert, die Hörspielserien von Pedro Camacho brächten die höchsten Einschaltquoten aller bolivianischen Sender. Genaro jun. war das, was man damals einen fortschrittlichen Unternehmer nannte, Geschäft interessierte ihn mehr als Ehre. Er war kein Mitglied des Club Nacional und auch nicht darauf versessen, es zu werden. Er war mit aller Welt befreundet, und seine Dynamik war anstrengend. Als ein Mann von schnellem Entschluß überzeugte er Pedro Camacho, nachdem er ihn in Radio Illimani besucht hatte, exklusiv für Radio Central nach Peru zu kommen.
    »Das war nicht schwer, die haben ihn da verhungern lassen«, erklärte er mir. »Er wird sich um die Hörspiel serien kümmern, und ich kann die Haie vom CMQ zum Teufel jagen.« Ich träufelte etwas Wermut in seinen Wein und sagte, ich hätte gerade festgestellt, wie unsympathisch die Bolivianer seien, und daß Pedro Camacho kaum mit den Leuten von Radio Central auskommen werde. Sein Akzent werde für die Hörer wie Stein-gepolter klingen, und da er sich in Peru nicht auskenne, werde er jeden Augenblick ins Fettnäpfchen treten. Doch Genaro jun. lächelte unberührt von meinen düsteren Prophezeiungen. Obwohl er niemals hier gewesen sei, habe Pedro Camacho ihm von der Seele Limas gesprochen wie ein Bajopontino, und sein Akzent sei untadelig, ohne Betonung des »s« und »r«, ganz wie Samt.
    »Luciano Pando und die anderen Akteure machen aus dem armen Ausländer bestimmt Hackfleisch«, träumte Javier. »Oder die schöne Josefina Sanchez vergewaltigt ihn.“ Wir waren in meinem Verschlag und unterhielten uns, während ich Meldungen aus »El Comercio« und »La Prensa« für die 12-Uhr-Nachrichten von Radio Panameri cana in die Maschine schrieb, wobei ich nur die Adjektive und Adverbien veränderte. Javier war mein bester Freund, wir sahen uns jeden Tag, wenn auch nur einen Augenblick, um festzustellen, daß wir noch existierten. Er war ein Wesen von wechselhafter und widersprüchlicher, aber stets ehrlicher Begeisterung. An der Universidad Catölica in Lima war er der Star des literaturwissenschaftlichen Seminars gewesen. Nie zuvor hatte es einen so begabten Studenten und klarsichtigen Leser von Poesie, einen so scharfsinnigen Interpreten schwieriger Texte gegeben. Für alle stand fest, daß er sein Studium mit einer brillanten Arbeit abschließen, ein brillanter Professor und ein ebenso brillanter Dichter oder Kritiker würde. Doch eines Tages hatte er ohne jede Erklärung alle Welt vor den Kopf gestoßen. Er hatte seine Arbeit hingeworfen, auf die Literatur und auf die Universidad Catölica gepfiffen und sich in San Marcos als Student der Wirtschafts wissen schaften eingeschrieben. Auf die Frage nach der Ursache dieser Fahnenflucht gestand (oder scherzte) er, daß die Abschlußarbeit, an der er saß, ihm die Augen geöffnet habe. Sie sollte heißen: »Die Sprichwörter bei Ricardo Palma.« Auf der Suche nach Sprichwörtern hatte er die »Tradiciones Peruanas« mit der Lupe lesen müssen, und da er gewissenhaft und sorgfältig arbeitete, hatte er einen Kasten mit gelehrten Karteikarten gefüllt. Dann verbrannte er eines Morgens den Kasten mit den Karteikarten auf einem Feld – er tanzte einen Apachentanz um die philolo gi schen Flammen –, beschloß, die Literatur zu hassen, selbst die Wirtschaftswissenschaft sei ihr vorzuziehen. Javier

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