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Tante Julia und der Kunstschreiber

Tante Julia und der Kunstschreiber

Titel: Tante Julia und der Kunstschreiber
Autoren: Mario Vargas Llosa
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    I
     
    Damals, es ist schon lange her, war ich noch sehr jung und lebte bei meinen Großeltern in einer Villa mit weiß getünchten Mauern in der Calle Ocharân in Miraflores. Ich studierte in San Marcos, Jura, glaube ich, und hatte mich damit abgefunden, daß ich meinen Lebensunterhalt später mit einem bürgerlichen Beruf würde verdienen müssen, obwohl ich viel lieber Schriftsteller geworden wäre. Ich hatte einen Job mit einem pompösen Titel, bescheidenem Salär, plagiatorischen Arbeitsmethoden und gleitender Arbeitszeit. Ich war Nachrichtenchef von Radio Panameri cana. Die Arbeit bestand darin, interessante Meldungen aus den Zeitungen auszuschneiden und sie ein bißchen zu frisieren, damit sie als Nachrichten gesendet werden konnten. Meine Redaktion bestand aus einem Burschen mit pomadisiertem Haar, der Katastrophen liebte und Pascual hieß. Zu jeder vollen Stunde gab es Kurznachrichten von einer Minute, außer um iz Uhr mittags und um 9 Uhr, die waren fünfzehn Minuten lang. Aber wir stellten immer gleich mehrere Sendungen zusammen, so daß ich viel unterwegs sein konnte, einen Kaffee an der Colmena trank, manchmal in eine Vorlesung ging oder in die Büros von Radio Central, wo es sehr viel unterhaltsamer zuging als bei uns.
    Die beiden Radiosender hatten den gleichen Besitzer und lagen nebeneinander in der Calle Belén, in der Nähe der Plaza San Martin. Sie glichen sich überhaupt nicht. Vielmehr waren sie so gegensätzlich wie die beiden Schwestern aus dem Märchen, von denen die eine voller Anmut war und die andere aus lauter Gebrechen bestand. Radio Panamericana belegte die zweite Etage und das Dachgeschoß eines neuen Gebäudes und zeigte mit seinem Personal, seinen Ambitionen und seinem Programm ein gewisses ausländisierendes und snobistisches Flair, einen Hang zum Modernen, zur Jugend, zur Aristokratie. Obwohl die Sprecher keine Argentinier waren (hätte Pedro Camacho gesagt), hätten sie es durchaus sein können. Man sendete viel Musik, sehr viel Jazz und Rock und ein wenig Klassik. Die Frequenzen von Radio Panamericana waren die ersten, die die neuesten Hits aus New York und Europa brachten, aber auch die lateinamerikanische Musik wurde nicht vernachlässigt, solange sie ein bißchen verpopt war; peruanische Musik wurde mit Vorsicht behandelt und auf den Vais beschränkt. Man brachte Programme mit einem gewissen intellektuellen Anstrich, Bilder aus der Vergan gen heit, internationale Kommentare, und selbst in den Unterhaltungssendungen, den Quiz- oder Talentsuche programmen, war bemerkbar, daß man allzu große Plattheit oder Gewöhnlichkeit zu vermeiden suchte. Ein Beispiel für die aktuelle Aufgeschlossenheit war der Informations dienst, den Pascual und ich in einem auf der Dachterrasse aufgebauten Verschlag herstellten, von dem aus wir die Müllhalden und die letzten Mansardenfenster der Dächer von Lima erkennen konnten. Man gelangte in einem Fahrstuhl dorthin, dessen Türen die beunruhigende Gewohnheit hatten, sich vor der Zeit zu öffnen.
    Radio Central dagegen zwängte sich in ein uraltes Gebäude mit vielen Innenhöfen, Ecken und Winkeln, und man brauchte nur die lässige Art der Sprecher zu hören, die viel zuviel Slang benutzten, um sofort den Hang zur Masse, zur Volkstümlichkeit zu erkennen. Man brachte kaum Nachrichten, und die peruanische Musik, die der Anden einbezogen, war dort unbestrittene Königin. Nicht selten nahmen die indianischen Sänger aus den Vergnü gungszelten an den publikumsoffenen Veranstaltungen teil, für die sich schon Stunden vor Beginn Menschenmassen vor den Türen des Sendesaals ansammelten. Die Frequen zen von Radio Central erzitterten auch verschwenderisch in karibischer, mexikanischer und argentinischer Musik. Die Programme waren schlicht, phantasielos und erfolgreich: Wünsche per Telefon, Geburtstagsständchen, Film- und Popstarklatsch. Aber das Hauptgericht, deftig und immer wieder aufgetischt, was allen Umfragen nach dem Sender gewaltige Hörerquoten sicherte, waren die Hörspielserien.
    Täglich wurden wenigstens ein halbes Dutzend gesen det, und mir machte es großen Spaß, den Sprechern bei den Aufnahmen zuzusehen. Es waren heruntergekommene, hungrige und zerlumpte Schauspieler, deren jugendliche, einschmeichelnde, kristallklare Stimmen auf erschreckende Weise mit ihren alten Gesichtern, ihren verbitterten Mündern und müden Augen kontrastierten. »An dem Tag, an dem in Peru das Fernsehen eingeführt wird, bleibt denen nur noch der Selbstmord«,

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