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Tante Dimity und der unheimliche Sturm

Tante Dimity und der unheimliche Sturm

Titel: Tante Dimity und der unheimliche Sturm
Autoren: Nancy Atherton
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viele schöne Stellen, wo du anhalten kannst, um eine Rast einzulegen. Ich werde dich am Anfang der Route absetzen und dich am Zielpunkt der Wanderung wieder abholen.«
    »Warum kommst du nicht mit?«
    »Weil du Ruhe und Frieden brauchst, darum.«
    Emma setzte sich wieder in den Liegestuhl. »Wir sind ja schon zusammen gewandert, Lori. Und ich weiß, was du unter Wandern verstehst. Reden, reden, reden, von Anfang bis zum Ende.
    Was du zurzeit brauchst, ist eine Auszeit von den Menschen, mich eingeschlossen.«
    Ich kam nicht umhin zuzugeben, dass etwas dran war an dem, was sie sagte. Emma und ich hatten viele Gemeinsamkeiten – beide waren wir nach England verpflanzte Yankees und hatten zwei Kinder –, mit dem Unterschied, dass Emma zum einen mit einem Engländer verheiratet war und ich mit einem Amerikaner. Zum anderen waren Emmas Kinder fast erwachsen, während meine gerade mal dem Babyalter entwachsen waren. Des Weiteren wog sie jede Entscheidung gründlich ab, während ich meist impulsiv handelte. Und auch wenn wir die besten Freundinnen waren, waren wir nicht die besten Wandergefährtinnen.
    Wandern bedeutete für mich, meinen Geist abzuschalten und meinen Sinnen freien Lauf zu lassen. Am liebsten streifte ich stundenlang ziellos durch die Natur und nahm alles in mich auf, was sie entlang des Weges an Überraschungen zu bieten hatte. Für mich war der Begriff sich zu verirren relativ, denn schließlich führten alle Wege irgendwohin, besonders in England, das trotz allem eine ziemlich kleine und dicht bevölkerte Insel war, wo man kaum zehn Schritte machen konnte, ohne über einen Pub zu stolpern oder ein Farmhaus oder ein nettes kleines Dorf. Ich hatte mich schon so oft verirrt, dass Emma angeboten hatte – und zwar nur halbwegs im Scherz –, einen Peilsender an meinem Rucksack anzubringen, aber ich hatte mich geweigert. Mich an einem wunderschönen Frühlingstag zu verirren war schließlich Teil des Spaßes.
    Emma hingegen gehörte jener Spezies an, die keine Wanderung ohne Karte und Kompass unternahm. Sie verfügte über eine stattliche Bibliothek an amtlichen Karten des britischen Ordnance Survey und verließ das Haus niemals, ohne mindestens ein halbes Dutzend davon einzupacken. Für Emma war das Wandern eine intellektuelle Betätigung, eine Mission, die es zu erfüllen, ein Puzzle, das es zu lösen galt. Wenn sie auf einer Wanderung war, schien sie mehr Zeit damit zu verbringen, die Karten zu studieren, als die Schönheiten zu bestaunen, welche die Natur ringsumher zu bieten hatte. Wenn sie sich verirrte – und das geschah nicht nur, wenn ich dabei war und sie mit meinem Geplapper ablenkte –, hatte sie das Gefühl, versagt zu haben. Mir schien es bisweilen, als ob der einzige Vorteil ihrer Art der Fortbewegung gegenüber meiner darin bestand, dass sie am Ende des Tages sagen konnte, wo genau sie von der geplanten Route abgekommen war.
    Je mehr ich darüber nachdachte, desto mehr leuchtete mir ihr Vorschlag ein: Wenn die vorgesehene Wanderung tatsächlich die erhoffte Wirkung erzielen sollte, dann konnte sie das nur, wenn ich auf Emmas Begleitung verzichtete.
    »Wie lange dauert diese Wanderung?«, fragte ich sie.
    »Es sind ungefähr fünfzehn Kilometer«, erwiderte Emma. »Das wirst du locker in fünf, höchstens sechs Stunden schaffen. Ich werde dir ein Lunchpaket mitgeben, ach was, ich werde dir sogar deinen Rucksack packen, mit allem, was du brauchst.«
    Ich lächelte. »Vergiss nicht, ein paar hundert deiner Karten einzupacken, ja? Falls ich in Borneo oder Venezuela landen sollte …«
    »Ich werde eine Karte einpacken, und zwar jene, auf der die Route eingezeichnet ist.« Emma beugte sich vor und tätschelte mir den Arm.
    »Aber ich verspreche dir, dass du dich diesmal nicht verirren wirst. Im Ernst, der Weg ist so einfach, es geht fast immer geradeaus. Ich werde ihn dir auf der Karte zeigen. Es gibt nur eine Abzweigung, und …« – sie plapperte munter weiter, ohne zu merken, dass sie den Fluch beschwor, der seit Jahrhunderten auf den Reisenden lastete
    – »… du kannst sie unmöglich verpassen.«
    Ihr Enthusiasmus war so ansteckend, dass der Fluch an mir vorüberzog, ohne dass ich ihn bemerkte, und ich in aller Unschuld schwor, in den nächsten Tagen die von ihr ausgesuchte Wanderung anzugehen, die so einfach war, dass man nicht vom Weg abkommen konnte – vorausgesetzt Bill befand, dass er einmal fünf Stunden ohne mich auskäme (höchstens fünf Stunden).
    Der dünnen Stimme, die sich

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