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Tante Dimity und der unheimliche Sturm

Tante Dimity und der unheimliche Sturm

Titel: Tante Dimity und der unheimliche Sturm
Autoren: Nancy Atherton
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dorthin, Wendy?«
    »Erst wenn ich meine Wanderung abgeschlossen habe. Etwa fünfzehn Kilometer von hier gibt es eine Farm, wo Wensleydale-Schafe gehalten werden. Hat einer von euch jemals Wensleydales gesehen? Sie haben dicke, braune Wolle – wunderschön.« Über den Rand ihres Bechers sah sie mich an. »Ich glaube, die Farbe dürfte dir gefallen, Lori.«
    »Mir?«, sagte ich verblüfft.
    »Ich habe bemerkt, wie neidisch du meine Pullover betrachtet hast. Um Ostern herum kannst du in der Post Ausschau nach deinem Exemplar halten.« Sie grinste. »Nicht gerade das, was du von Miss Rude erwartet hast, nicht wahr?«

    »Du? Miss Rude? Ha!« Ich schüttelte den Kopf. »Ich korrigiere dich nur ungern, Wendy, aber deine Versuche, mich zu kränken, waren schwach, um nicht zu sagen sehr schwach.«
    »Hey!«, rief sie. »Ich habe viel Zeit damit verbracht, mir die Beleidigungen zurechtzulegen.«
    »Bemitleidenswert. Wenn Jamie mich nicht davon abgehalten hätte, hätte ich dir gezeigt, was es heißt, spontan gemein zu sein. Manche von uns haben das einfach im Blut. Ich zum Beispiel.«
    »Das kann ich nur bestätigen«, sagte Jamie.
    »Nur eine wirklich gemeine Frau würde auf den Gedanken kommen, ihre Hilfe anzubieten, als Gegenleistung für wiederholte Verführungsversuche und Beleidigungen.«
    »Quatsch«, erwiderte ich. »Ich hatte schon damit gerechnet, eins übergebraten zu bekommen und in der Wäschetruhe zu verwesen. Im Vergleich dazu war das, was ihr getan habt, geradezu eine Wohltat. Wenn ihr glaubt, dass ich euch anhand eurer Verfehlungen beurteile, dann habt ihr euch gehörig getäuscht.«
    Jamie entging das Zitat nicht. Feierlich starrte er ins Feuer, dann stellte er seinen Becher weg, streckte die Hand aus und ergriff Wendys und meine. »Wo Freundschaft ist, möge immer Freundschaft sein.«

    »Immer«, sagte ich als Echo, und Wendy nickte.
    Jamie ließ unsere Hände wieder los, aber das Band blieb bestehen, obwohl ich Wendy gleich darauf mit einem Kissen bombardierte, weil sie beiläufig erwähnt hatte, dass sie nicht nur Klavier spielte, sondern auch ein exotisches Instrument namens Gamelan, das sie kürzlich erlernt hatte. Ich ärgerte mich schrecklich darüber, dass sie offenbar nur eines nicht konnte: spontan gemein sein.
    Wir redeten noch bis in die späte Nacht hinein, bis unser Gähnen überhandnahm und wir keinen zusammenhängenden Satz mehr zustande brachten. Nachdem Wendy und Jamie in ihre Zimmer gegangen waren, um in süße Bewusstlosigkeit zu fallen, schob ich den Docht meiner Lampe herunter und fiel meinerseits ins Bett. Der letzte Gedanke, der mein Bewusstsein kreuzte, war, dass ich in Ladythorne ein Paar Diamanten gefunden hatte, die ich nie zurückgeben wollte.
    »Diebespack, diese Amerikaner«, murmelte ich lächelnd und entschwebte in den Schlaf.

Epilog
    ICH WAR DER letzte Ami, der Ladythorne verließ. Wendy machte sich gleich nach dem Frühstück am nächsten Morgen auf den Weg, zu Fuß und fest entschlossen, die ihr verbliebene Zeit in England zu genießen. Eine Stunde später bekam Jamie eine Mitfahrgelegenheit mit einem Schneepflugfahrer bis nach Oxford, wo er ein paar Wochen bleiben wollte, um alte Freundschaften zu pflegen. Als ich beiden nachwinkte, empfand ich einen Stich des Bedauerns, aber er war nur von kurzer Dauer. Ich war mir sicher, dass ich beide Wiedersehen würde.
    Catchpole war so froh, seine Flinte zurückzubekommen, dass er mir anbot, mich seiner Kuh vorzustellen. Während er mich zu den Ställen führte, spürte ich, wie mild die Luft war, und bemerkte sogar die ersten Narzissen in einem Blumentrog im Hof.
    »Der Wind hat gedreht«, sagte Catchpole. »Er kommt jetzt von Süden und ist so sanft, wie man es sich nur wünscht. Ein heilender Wind, hat meine Mutter ihn immer genannt, ein Wind, der den Frost vertreibt und das Land wieder zum Leben erweckt.«

    Ich blickte Richtung Süden und fragte mich: War der heilende Wind durch Zufall gekommen?
    Oder war er herbeigerufen worden, um die Wiederauferstehung des Lebens zu feiern, an einem Ort, den lange Kummer und Leid fest im Griff gehabt hatten?
    Nun komm schon , Lori . Tante Dimitys Worte entfalteten sich in großen Bögen und Schnörkeln vor meinem inneren Auge. Du bist in einen Schneesturm geraten , den keine Wetterstation vorhergesagt hatte , dann bist du auf einem Weg gelandet , den du gar nicht einschlagen wolltest und der dich zu einem Haus führte , von dem du nicht einmal wusstest , dass es existiert . Glaubst du

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