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Tamir Triad 02 - Die verborgene Kriegerin

Tamir Triad 02 - Die verborgene Kriegerin

Titel: Tamir Triad 02 - Die verborgene Kriegerin
Autoren: Lynn Flewelling
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K APITEL 1
     
    Nach wie vor am Rand dunkler Träume gefangen, nahm Tobin allmählich den Geruch von Rinderbrühe und ein leises, undeutliches Fließen von Stimmen in der Nähe wahr. Sie durchdrangen die Dunkelheit wie ein Leuchtfeuer und zogen ihn hin zum Erwachen. Schließlich erkannte er Naris Stimme. Was tat seine Amme in Ero?
    Tobin schlug die Augen auf und stellte mit einer Mischung aus Erleichterung und Verwirrung fest, dass er sich in seinem alten Zimmer in der Feste befand. In der Nähe des offenen Fensters stand ein Kohlenbecken und warf ein Muster roten Lichts durch seinen gelochten Messingdeckel. Die kleine Nachttischlampe spendete mehr Helligkeit und ließ Schatten im Gebälk tanzen. Die Laken und sein Nachthemd rochen nach Lavendel und frischer Luft. Die Tür war geschlossen, trotzdem konnte er hören, dass Nari draußen leise mit jemandem redete.
    Schlaftrunken ließ Tobin den Blick durch die Kammer wandern, vorerst zufrieden damit, sich einfach zu Hause zu fühlen. Einige seiner Wachsfiguren standen auf dem Fenstersims, und in der Ecke neben der Tür lehnten die Übungsschwerter aus Holz. Zwischen den Deckenbalken waren die Spinnen fleißig gewesen; Netze so groß und fein wie der Schleier einer Fürstin wogten leicht im Luftzug.
    Auf dem Tisch neben seinem Bett stand eine Schale, daneben lag ein Hornlöffel. Es war der Löffel, mit dem Nari ihn immer gefüttert hatte, wenn er krank gewesen war.
    Bin ich krank?
    Verschlafen fragte er sich, ob Ero nur ein Fiebertraum gewesen war. Und seines Vaters und seiner Mutter Tod auch? Ihm war ein wenig unwohl, und die Mitte seiner Brust schmerzte, aber insgesamt fühlte er sich eher hungrig als krank. Als er nach der Schale griff, erblickte er etwas, das seine traumseligen Wunschvorstellungen zerschmetterte.
    Die hässliche, alte Lumpenpuppe lag weithin sichtbar auf der Kleidertruhe am gegenüberliegenden Ende der Kammer. Selbst vom Bett aus konnte Tobin den frischen weißen Faden erkennen, mit dem die schmuddelige Seite der Puppe vernäht worden war.
    Tobin umklammerte die Decke, als Bruchstücke von Bildern in sein Gedächtnis zurückfluteten. Das Letzte, woran er sich deutlich erinnerte, war, dass er in Lhels Eichenhaus in den Wäldern oberhalb der Feste gelegen hatte. Die Hexe hatte die Puppe aufgeschnitten und ihm Säuglingsknochen – Bruders Knochen – gezeigt, die sich im Stopfmaterial verbargen. Seine Mutter hatte sie darin versteckt, als sie das Ding angefertigt hatte. Mit einem Knochenstück statt Haut hatte Lhel Bruders Seele wieder an jene Tobins gebunden.
    Mit zitternden Fingern fasste Tobin in den Ausschnitt seines Nachthemds und betastete behutsam die wunde Stelle auf der Brust. Ja, da war es: ein schmaler Grat erhobener Haut, der mitten über sein Brustbein verlief, wo Lhel ihn wie ein zerrissenes Hemd zusammengenäht hatte. Tobin spürte die winzigen Erhebungen der Stiche, aber kein Blut. Die Wunde war bereits fast verheilt, nicht roh wie jene an Bruders Brust. Tobin tastete weiter, bis er den harten, kleinen Klumpen des Knochenstücks unter seiner Haut fand. Er konnte damit wackeln wie mit einem losen Zahn.
    Haut stark, aber Knochen stärker, hatte Lhel gesagt.
    Tobin senkte das Kinn, blickte an sich hinab und stellte fest, dass weder der Klumpen noch die Naht sichtbar war. Genau wie zuvor würde niemand erkennen, was sie mit ihm gemacht hatte.
    Ein Schwindelgefühl erfasste ihn, als er sich daran erinnerte, wie Bruder ausgesehen hatte, als er mit dem Gesicht nach unten über ihm schwebte, während Lhel gearbeitet hatte. Das Gesicht des Geistes war vor Schmerz verzerrt gewesen; Tränen aus Blut waren aus seinen schwarzen Augen und aus der unverheilten Wunde an seiner Brust gefallen.
    Tote nicht kennen Schmerz, hatte Lhel gemeint, aber sie irrte sich.
    Tobin krümmte sich gegen das Kissen und starrte elend auf die Puppe. All die Jahre, in denen er sie versteckt hatte, all die Angst und Sorge, und nun lag sie offen herum, auf dass jeder sie sehen konnte.
    Aber wie war sie hierher gelangt? Er hatte sie zurückgelassen, als er aus der Stadt geflüchtet war.
    Von plötzlicher Furcht erfüllt, ohne zu wissen, weshalb, hätte er um ein Haar nach Nari gerufen, doch Scham hielt ihn davon ab. Er war ein Königlicher Gefährte, viel zu alt, um eine Amme zu brauchen.
    Und was würde sie zu der Puppe sagen? Gewiss hatte Nari sie inzwischen gesehen. Bruder hatte ihm einst eine Vision gezeigt, wie die Leute sich verhalten würden, wenn sie davon

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