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Tages-Deal: Kudamm 216 - Erbsünde (German Edition)

Tages-Deal: Kudamm 216 - Erbsünde (German Edition)

Titel: Tages-Deal: Kudamm 216 - Erbsünde (German Edition)
Autoren: Nika Lubitsch
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einrichten, empfahl Elke.

Gedanken zum Feierabend
    Judiths Schreibtisch war übersät mit Ausdrucken aus dem Internet. Jetzt musste sie die Nikes scharf machen, denn um neunzehn Uhr begann ihre Schicht in der Kneipe. Und vorher musste sie sich irgendwo dringend stylen, denn so wie sie aussah, würde Ralf, ihr Boss am Hackeschen Markt, sie nicht hinter den Tresen lassen.
    Auf dem Weg durch die Grolmanstraße zum S-Bahnhof Savignyplatz wurde ihr die Tragweite ihrer Entscheidung für den Minijob bei Alice von Kaldenberg erst richtig klar. Ab sofort würde sie kein Hartz IV mehr erhalten. Jeden Abend würde sie nach Mitte hetzen müssen, um sich bis morgens um vier hinter dem Tresen die Beine in den Bauch zu stehen. Viel schlimmer aber war, dass sie nicht mal so schlecht arbeiten konnte, dass die Kaldenberg sie an die Luft befördern würde. Denn wie das in ihrem Lebenslauf aussehen würde, konnte sie sich gut vorstellen. Sie hatte einen verdammt schlechten Tausch gemacht.
    Quatsch, Judith, sagte sie sich, du hattest gar keine andere Wahl. Einerseits. Andererseits war viel Arbeit im Moment genau das, was sie brauchte. Um bloß nicht nachdenken zu müssen. Über ihren Freund Sven. Oder war er ihr Ex-Freund? Oder über ihre Mutter. Oder gar über ihren Vater. Bei diesen Gedanken wurde ihr übel.
    Sie stieg die Stufen zum zugigen Bahnsteig hinauf. Ihr Blick fiel auf eine bröckelnde, fensterlose Hausseite, auf der noch Reste alter Reklamesprüche zu sehen waren.
    Endlich kam die kackgelbe S-Bahn. Eine Monatskarte würde sie auch brauchen. 64 €, wenn man die abrechnete, blieben ihr von den 400 € weniger als sie vorher an Hartz IV hatte. Mist. Und eine Aufstockung für die Miete würde sie auch beim Amt beantragen müssen. Wie sie das alles verabscheute. Wer hatte sich nur so etwas Dämliches ausgedacht?
    Während sich der Zug seinen Weg durch die Hinterhöfe der West-Berliner City suchte, vorbei am Theater des Westens mit seinem figurenüberladenen Dach, lenkte sie sich mit den Gedanken an Doktor Sprengler ab.
    Es gab Menschen, die gab es gar nicht. Der Sprengler war einfach zu gut, um wahr zu sein. Sie dachte mit Schaudern an die Hunderte von Ausdrucken, die sie morgen würde sortieren müssen. Es gab kaum einen gemeinnützigen Verein, in den er nicht seine Pfoten gesteckt hatte. Hallo? Wie viel Geld musste jemand verdient haben, um so viel Zeit und Geld für andere opfern zu können? Und dann so ein armseliges Ende!
    Er war am Abend vor seinem Tod bei Bernie gewesen. Das allerdings stand in keiner Meldung, die sie im Internet gefunden hatte. Nur, dass der Vorstand von WorldKidAid eine Vermisstenmeldung aufgegeben hatte. Sie sah das Gesicht von Sprengler vor sich, wie es ihr von unzähligen News-Sites mit leicht hängenden Augenlidern entgegen geschaut hatte. Sprengler hatte mit seinen 74 Jahren kaum noch Haare, und die wenigen, die übrig geblieben waren, hatte er kurz rasiert. Auf seiner leicht gebogenen Nase trug er eine Goldrandbrille. Auf allen Fotos war er mit einem weißen Seidenschal und Rollkragenpullover ausstaffiert. Er machte ganz offensichtlich auf Künstler. Sprengler war als plastischer Chirurg berühmt gewesen, er hatte so illustre Patienten wie einen Formel-1-Fahrer und einen Minister nach Unfällen so zusammengeflickt, dass sie sich wieder in der Öffentlichkeit präsentieren konnten. Na ja, jedenfalls an Messer war er gewöhnt gewesen. Und das war auch dringend nötig. Sprengler war unter einem Busch im Central Park von New York erstochen aufgefunden worden. Der Mörder hatte ihm seine Brieftasche mit allen Papieren und Kreditkarten geklaut, Uhr, Schmuck und Geld fehlten. Warum Sprengler nach seinem Besuch bei Bernieliebling nachts im Central Park spazieren ging, war wohl ein Geheimnis, das er mit ins Grab genommen hatte.
    Die S-Bahn lief auf dem Bahnhof Hackescher Markt ein. Judith schaute auf die Uhr. Dreizehn Minuten, gar nicht mal so schlecht. Und sie dachte immer, dass der Kudamm mindestens 1000 Kilometer von hier entfernt sei.
    Es blieb ihr glatt eine halbe Stunde, um sich zu restaurieren und mit der Mittagsschicht einen Kaffee zu trinken.

Die Beerdigung
    Die weißen Lilien in der Hand von Mort Eisenman verströmten einen narkotischen Geruch. Eine Vollnarkose wäre jetzt nicht schlecht, dachte Linda und schüttelte die Hand des berühmten Kunsthändlers, lächelte, nickte, machte Smalltalk.
    Die halbe Welt schien sich vor der Kapelle auf dem Berliner Waldfriedhof eingefunden zu haben, um

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