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Tagebuch eines Engels

Tagebuch eines Engels

Titel: Tagebuch eines Engels
Autoren: Carolyn Jess-Cooke
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EIN HIMMLISCHER STIFT
    Kaum war ich tot, war ich auch schon ein Schutzengel. Nandita klärte mich nach meiner Ankunft im Jenseits ohne jedes Geplänkel und ziemlich schonungslos über meinen neuen Zustand auf. Kennen Sie das, wie Zahnärzte einen ganz harmlos fragen, was man denn so an Weihnachten vorhabe, bevor sie einem ziemlich brutal einen Zahn herausreißen? Gut. So lief es überhaupt nicht. Es lief so:
    Â»Margot ist tot, mein Kind. Margot ist tot.«
    Â»So ein Quatsch«, sagte ich. »Ich bin nicht tot.«
    Sie wiederholte: »Margot ist tot.« Sie sagte es immer wieder. Nahm meine zitternden Hände in ihre und verneigte sich. »Ich weiß, wie schlimm das ist«, sagte sie. »Ich habe fünf Kinder ohne Vater zurückgelassen, in Pakistan. Es wird alles gut.«
    Ich musste da weg. Ich sah mich um – wir standen in einem von Zypressen umgebenen Tal, nur wenige Meter von einem kleinen See entfernt. Schilf säumte das Wasser, die samtigen Kolben glichen einem kleinen Wald aus Mikrofonen, die darauf warteten, meine Antwort zu übertragen. Aber es würde keine geben. In der Ferne entdeckte ich eine schmale graue Straße, die sich durch die Felder und zwischen Hügel schlängelte. Ich setzte mich in Bewegung.
    Â»Warte«, sagte Nandita. »Ich möchte dir jemanden vorstellen.«
    Â»Wen denn?«, fragte ich. »Gott? Das hier ist ja wohl der Gipfel des Absurden.«
    Â»Ich möchte dir Ruth vorstellen«, sagte sie und tauchte einen Fuß in das stille Wasser des Sees.
    Â»Wo?« Ich strengte mich an, zwischen den Bäumen in der Ferne jemanden ausmachen zu können.
    Â»Da«, sagte sie und deutete mit der Hand auf mein Spiegelbild im Wasser.
    Und dann schubste sie mich hinein.
    Manche Schutzengel werden zurückgeschickt, um ein Auge auf ihre Geschwister, ihre Kinder oder andere Menschen, die ihnen etwas bedeuteten, zu haben. Ich kehrte zu Margot zurück. Zu mir selbst. Ich bin mein eigener Schutzengel, eine Art Klosterschreiber: Ich zeichne meine eigene bedauernswerte Biografie auf, während ich über meine Erinnerungen stolpere und von dem Tornado einer Geschichte herumgewirbelt werde, die ich nicht ändern kann.
    Letzteres sollte ich besser nicht sagen. Schutzengel bewahren uns, wie wir alle wissen, unzählige Male in unserem Leben vor dem Tod. Es ist die Pflicht eines jeden Schutzengels, seinen Schützling vor jedem Wort, jeder Handlung und jeder Folge zu bewahren, die nicht seinem freien Willen entspricht. Wir sorgen dafür, dass keine Unfälle passieren. Etwas ändern – das ist unsere Hauptaufgabe. Wir ändern sekündlich etwas. Stündlich. Täglich.
    Täglich sehe ich hinter die Kulissen, sehe die Dinge, die ich hätte erleben, die Menschen, die ich hätte lieben sollen – und am liebsten würde ich so eine Art himmlischen Stift zur Hand nehmen und einfach alles ändern. Ich möchte mein eigenes Drehbuch schreiben. Ich möchte dieser Frau schreiben, dieser Frau, die ich war, und ihr alles erzählen, was ich weiß. Und ich möchte sie bitten:
    Margot.
    Erzähl mir, wie du gestorben bist.

– 1 –
    UND SO WURDE ICH RUTH
    Ich kann mich an mein Aufschlagen auf die Wasseroberfläche nicht erinnern. Ich kann mich auch nicht erinnern, mich auf der anderen Seite des Sees ans Ufer geschleppt zu haben. Aber es handelte sich dabei um ein Aufnahmeritual in die spirituelle Welt, eine Art Taufe im Meer des Wissens. Ich kann nicht erklären, wie es passiert ist, aber als ich mich in einem schlecht beleuchteten Flur wiederfand und dort die kaputten Fliesen nasstropfte, begriff ich ein für alle Mal, wer ich war und worin meine Aufgabe bestand. Ruth. Ich heiße Ruth. Margot ist tot.
    Ich war wieder auf der Erde. Belfast, Nordirland. Ich erkannte die Stadt, in der ich meine prägenden Jahre verbracht hatte, unter anderem an der unverwechselbaren Musik der mitten in der Nacht probenden Orange-Order-Bands wieder. Ich schätzte, dass Juli war, hatte aber keine Ahnung, welches Jahr. Ich hörte Schritte hinter mir und wirbelte herum. Es war Nandita, deren weißes Kleid in der Dunkelheit changierte, ungeachtet des kränklichen Lichts der Straßenlaterne gegenüber. Sie neigte sich zu mir, ihr Blick dunkel vor Sorge.
    Â»Es gibt vier Regeln«, sagte sie und streckte vier beringte Finger in die Luft. »Erstens: Du bist Zeugin all dessen, was sie tut, was sie fühlt und

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