Bücher online kostenlos Kostenlos Online Lesen
Tacheles

Tacheles

Titel: Tacheles
Autoren: Andreas Pittler
Ads
I.
Samstag, 30. Juni 1934
    So ist das also. Merkwürdig, ich hätte gedacht, man würde den Schmerz fühlen, ihn ganz stark empfinden. Doch es ist weniger schlimm als beim Zahnarzt. Ja, eigentlich hat nur der erste Schlag wirklich wehgetan. Er kam von hinten, und ich donnerte mit aller Wucht gegen die Ziegelwand. Ich denke, da ist schon die Haut auf der Stirn aufgeplatzt, denn ich konnte ab diesem Zeitpunkt nicht mehr richtig sehen. Vielleicht habe ich aber auch eine Gehirnerschütterung davongetragen, oder der Hieb hat den Sehnerv beeinträchtigt. Ich weiß jedenfalls, dass ich sofort nach der Attacke in die Knie gegangen bin und mir dachte, es sei seltsam, dass der Fall auf die Gelenke mehr Schmerz verursachte als der Aufprall des Kopfes. Aber ich bin ja nicht viel zum Nachdenken gekommen, denn der Angreifer hat mich unmittelbar danach in die Nieren getreten. Und das verursachte eigentlich auch noch eine ziemliche Pein, und ich glaube, zu diesem Zeitpunkt habe ich das erste Mal aufgeschrien. Ich habe dann irgendeine Schimpfkanonade gehört, ich solle mein Maul halten, ich Schwein, oder so etwas in der Art, und eine zweite Stimme sagte, ich würde nun endlich bekommen, was ich längst schon verdient hätte, ich parasitärer Schmarotzer. Dabei spürte ich nochmals einen heftigen Schlag auf den Kopf, der von rechts ausgeführt worden war, sodass ich seitlich wegknickte und nun erstmals zur Gänze auf dem Boden lag. Und immer wieder trat man mir in die Nieren und die Bauchgegend. Es war seltsam, aber es tat mit jedem Tritt weniger weh. Einmal traf einer der Schläge meine Intimteile, und mir blieb für einen Moment die Luft weg, doch gleich danach prasselten ein paar Schläge auf meinen Oberkörper, und die lenktenvon dem Schmerz in den unteren Regionen ab. Ich weiß, es klingt unglaubwürdig, aber mir war, als würde ich hören, wie meine Haut aufplatzte. Ich kann natürlich nicht sagen, ob meine Kleidung durch meinen Angstschweiß oder durch austretendes Blut durchnässt wurde, aber ich spürte, wie sie an meinem Körper zu kleben begann. Und wieder traf mich ein Stiefel voll in der Seite. Einer der Angreifer redete sich richtig in Rage. Er beschimpfte mich immer wüster und begann, nun auch gezielt meinen Kopf mit Tritten zu bearbeiten. Ich versuchte ihn so gut es ging mit meinen Händen zu schützen, doch ein Tritt kam durch meine Deckung durch und schlug meine Lippen blutig. Die warme Flüssigkeit breitete sich in meiner Mundhöhle aus und ich hatte das Gefühl, als verschluckte ich mich, weshalb sich ein heftiger Hustenreiz einstellte. Als ich eben meinen Mund öffnete, um das Blut, das sich darin gesammelt hatte, auszuspucken, bekam meine Nase einen Treffer, und ich hatte elementare Atemnot. Sicher ist das Nasenbein gebrochen, dachte ich mir noch, als ich versuchte, irgendwie Luft zu bekommen. Ich muss dabei wohl gestöhnt haben, denn die Angreifer überschütteten mich mit Hohn und setzten ihre erniedrigenden Beleidigungen fort.
    Nach einigen Minuten fühlte ich mich wirklich am Ende, und ich weiß noch, ich dachte, jetzt müssten sie bald von mir ablassen, denn sie hatten sich abreagiert und ihren Spaß gehabt. Ich lag merkwürdig verkrümmt auf dem Boden und zuckte nur noch ab und zu, wenn mich ein weiterer schwerer Tritt traf. Es war unschön. Rund um mich entstanden kleine Lacken, ein unappetitliches Flüssigkeitsgemisch aus Blut, Speichel und, ja, warum soll ich es verheimlichen, auch Urin breitete sich aus.
    So, das dauert jetzt schon eine ganze Weile. Sie sollten eigentlich langsam müde werden. Ich wehre mich nicht und zucke nur noch bei besonders harten Schlägen. Eigentlich müsste ihnen mein Verhalten doch allmählich den Spaß verderben. Sie haben doch gesagt, sie wollten mir eine Lektionverpassen. Nun, die habe ich doch mittlerweile gelernt, oder? Warum hören die nicht endlich auf?
    Ich bekomme laufend Tritte ab, ohne, dass sie irgendwohin zielen würden. Es ist ihnen anscheinend egal, wo sie mich treffen – und mir mittlerweile auch. Ich bin nur noch erschöpft. Ich spüre keinen Schmerz mehr und habe das Gefühl, als wäre mein ganzer Körper in Watte gepackt. Von ganz weit weg höre ich die Schimpfkanonade des Schlägers, doch ich verstehe seine Worte nicht mehr. Irgendetwas von „Blutsauger“ und „Parasit“ meine ich zu hören, doch ich kann mich nicht mehr richtig konzentrieren. Ob ich ohnmächtig werde?
    Es muss eine Ewigkeit her sein, seit ich vor dieser Pein zu fliehen versuchte, um

Weitere Kostenlose Bücher

Es muß nicht immer Kaviar sein
Es muß nicht immer Kaviar sein von Johannes Mario Simmel