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Survive

Survive

Titel: Survive
Autoren: Alex Morel
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Kapitel 1
    Es ist zehn vor zehn. Normalerweise wäre ich jetzt damit beschäftigt, mir einen Stuhl für die Gruppensitzung zu sichern. Um solche Sachen dreht sich der Tag für einen in einer Anstalt wie Life House. Und in gewisser Weise ist das auch gut so. Bei den Gruppensitzungen besteht die besondere Herausforderung darin, einen Platz zu finden, der so weit wie möglich von Old Doc entfernt ist, ohne aber zu nah bei Big Stinker zu sitzen, unter Insidern auch bekannt als BS . BS ist Ben, und er ist der einzige Junge in Life House D, das speziell für autoaggressive Ritzer und Selbstmörder vorgesehen ist. Er riecht wie Pisse, die vierzig Minuten bei hundertachtzig Grad gebacken wurde. Man sollte nach Möglichkeit vermeiden, eine Stunde lang neben BS sitzen zu müssen. Ich meine, er ist ja wirklich total nett und so weiter, und wir hatten ein paar gute Gespräche, aber wenn man eine Stunde seine Dämpfe einatmet, kann das zu Hirnschäden führen. Manchmal ist es echt übel mit der Logistik, also komme ich lieber immer zeitig und warte. Ich bin eine Planerin.
    Heute jedoch nehme ich nicht an der Gruppensitzung teil. Stattdessen fliege ich zum ersten Mal seit meiner Ankunft in Idaho vor dreihundertfünfundvierzig Tagen zurück nach New Jersey. Nach Hause. Der Taschenuhr zufolge, die mein Vater mir hinterlassen hat, hebt mein Flugzeug in genau sechs Stunden, neun Minuten und dreißig Sekunden ab. Die Uhr ist alt, aber ich vertraue ihr. Er ist tot, aber ich vertraue ihm immer noch mehr als jedem anderen Menschen, den ich kenne, und in jedem Fall vertraue ich seiner Taschenuhr erheblich mehr, als ich Fluggesellschaften und ihren Flugplänen traue, die sie fast niemals einhalten. Aber darüber kann ich mir jetzt nicht den Kopf zerbrechen. Zurück zum Wesentlichen: Heute verlasse ich Life House, das während des vergangenen Jahres mein zweites Zuhause gewesen ist, in genau sechs Stunden und neun Minuten. Ticktack, ticktack.
    Ich bin hier in Life House, weil ich vor einem Jahr einen »Zwischenfall« hatte. Die Experten, auch meine Ärzte genannt, haben diesem Zwischenfall das Etikett Suizidversuch angeheftet. Ich und Old Doctor (er ist der Chef der Chefs hier und auch einer meiner Ärzte) sind unterschiedlicher Meinung darüber, ob das, was tatsächlich passiert ist, unter dieses Etikett fällt. Ich könnte mich möglicherweise auch einfach nur geschnitten haben oder wollte vielleicht etwas mehr Aufmerksamkeit von meiner Mutter. Diese beiden Theorien haben wir während des letzten Jahres in Betracht gezogen.
    »Und bis wir übereingekommen sind, was passiert ist«, hat er viele Male gesagt, »darfst du es nennen, wie du willst.«
    In zwei Stunden, um zwölf Uhr mittags, um genau zu sein, werde ich in einen Bus steigen und für immer von hier fortgehen. Im Laufe der letzten sechs Monate habe ich Fortschrittspunkte gesammelt – Wortmeldungen in der Gruppensitzung, zwei Punkte; Betreuung anderer Mädchen, drei Punkte; der rege Austausch mit anderen während freiwilliger sozialer Aktivitäten, fünf Punkte.Alles Handlungen in guter Absicht, die der Verfolgung eines einzigen Ziels dienten: Freiheit. Die Punkte haben sich addiert, bis ich mir schließlich diese einwöchige Reise verdient hatte, um Weihnachten mit meiner Familie zu feiern.
    Was die Ärzte nicht wissen, ist, dass alles eine Lüge war: Alles, was ich getan habe, jedes »Hallo« zu den Doktoren Crimshaw und Gallus, jeder vermeintliche Akt der Freundlichkeit gegenüber meinen Mitbewohnern Beth, Sam und BS , jede mit der einen oder anderen falschen Träne geheuchelte Enthüllung bei Old Doctor standen im Dienste eines geheimen Plans.
    Und jetzt kommt, was ihr wissen müsst: Wenn ich heute Nacht in dieses Flugzeug steige, werde ich niemals zu Hause ankommen. Mein Körper wird in New Jersey landen, aber ich, der körperlose Teil, der in meinem Körper lebt, meine Seele, wenn ihr so wollt, wird das nicht tun. Wenn die Lichter gedimmt werden und alle für ein kurzes Nickerchen die Augen schließen, werde ich den Gurt meines Sitzes lösen, leise nach hinten zur Toilette gehen, eine Handvoll Kryptonit schlucken und einschlafen. Für immer. Und wenn die Maschine landet und alle eilig ihr Gepäck zusammensuchen und nach dem Shuttlebus Ausschau halten, werde ich auf meinem eigenen Flug ins Nirwana sein.

Kapitel 2
    Dass ich meine Freunde und Ärzte täusche, ist nicht selbstsüchtig oder hinterhältig, sondern nur pragmatisch und zum Erreichen meines Ziels notwendig. Ich bin

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