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Summer Westin: Verhängnisvolle Spuren (German Edition)

Summer Westin: Verhängnisvolle Spuren (German Edition)

Titel: Summer Westin: Verhängnisvolle Spuren (German Edition)
Autoren: Pamela Beason
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1
    Fast war es so weit.
    Diese Stunde war ihm die liebste von allen. Dunkel genug, um Konturen verschwimmen zu lassen, aber noch gerade so hell, dass niemand auf dem Campingplatz schon zusammensuchte, was ihm gehörte. Essen, Kleidungsstücke und Spielsachen der Kinder lagen überall verstreut. Die Leute waren so unachtsam. Der Mann zog die Knie eng an den Körper. Bald würde die Sonne hinter den steilen Hängen im Westen verschwinden. Hier unten im Tal brach die Dämmerung nicht sanft und friedlich herein. Wie eine dunkle Welle schwappte sie über den Canyon, kappte das Licht wie eine plötzlich zuschlagende Tür. Dann sammelten sich die Leute am Lagerfeuer oder verschwanden in Zelten und Wohnmobilen – flohen vor der Nacht, als wäre sie gefährlich. Und er konnte das tun, weswegen er gekommen war.
    Der Mann setzte sich in eine Kuhle zwischen zwei zusammengewachsenen Pappeln. Unter den golden schimmernden Blättern würde man ihn sicher nicht entdecken – schon gar nicht hier, im Schatten des Steilhangs. Er lauschte dem Lärm, der vom Campingplatz herüberschallte und das Gurgeln des Flusses übertönte.
    Selbst aus dieser Entfernung hörte er noch das Brummen der Wohnmobilgeneratoren, das Knistern und Knacken der Lagerfeuer; dann und wann sogar das Plärren eines Radios oder Fernsehers. Auf dem Parkplatz rechts knirschte der Kies, als ein Wagen einbog. Von links näherten sich die rhythmischen Schritte eines Joggers auf dem unbefestigten Seitenstreifen. Neben der Rezeption auf der anderen Straßenseite flatterte im auffrischenden Wind ein Zettel mit der Aufforderung, sich vor Pumas in Acht zu nehmen.
    Gleich dahinter lag der erste Stellplatz; dort krabbelte ein kleiner Junge auf einem vom Wind abgeschliffenen Sandsteinfelsen und schob, völlig versunken in sein Tun, einen Spielzeuglaster über Miniaturhügel und -täler.
    Der Mann atmete leise aus und rieb sich mit gespreizten Fingern über die Oberschenkel. Unter der Baseballkappe des Kleinen lugte helles Haar hervor, leuchtend gelb wie Butterblumen, die nach einem Frühlingsregen aus der Erde sprossen. Solch feines Jungenhaar war dem Mann nicht unbekannt; er wusste genau, wie seidenweich es sich anfühlen würde. Die Erinnerungen schnürten ihm die Kehle zu.
    Weiter unten machte sich die dunkelhaarige Mutter des Kleinen am Campingkocher zu schaffen. Aus dem Wald drang das Rascheln niedergetretener Blätter und das Knacken brechender Zweige.
    Dann krachte es laut und etwas Schweres schlug dumpf auf den Boden. Ein Schwarm Krähen flog aus den knorrigen Ästen einer Gelbkiefer auf – zornig kreischend, weil man sie von ihrem nächtlichen Ruheplatz verjagt hatte. Der kleine Junge rappelte sich auf und verfolgte den Flug der dunklen Krähenwolke zum Fluss.
    Die Mutter ging ein paar Schritte in Richtung des Lärms und blickte suchend in den dunklen Wald. »Bist du das, Fred? Du trampelst herum wie ein Elch.«
    Der blonde Junge hatte die Hände ausgestreckt, als wollte er die über seinen Kopf ziehenden Krähen einfangen, tapste durch das Gras zur Straße und zum dahinterliegenden Fluss. Nun war das kleine, dem Himmel zugewandte Gesicht deutlicher zu erkennen, und das Herz des Mannes schlug schneller. Ihm gefiel dieser Ausdruck auf den Gesichtern kleiner Kinder, diese Mischung aus Neugier und Verwunderung, die sie anderen Kreaturen entgegenbrachten. Aber kleine Kinder sollte man nie allein umherlaufen lassen. Ganz schreckliche Dinge konnten ihnen dann zustoßen.
    Die Mutter des Jungen kehrte vom Wald zurück an den Picknicktisch und sah zu dem flachen Felsen hinüber, auf dem das Kind gespielt hatte.
    »Zack, komm jetzt, es wird schon dunkel.« Sie versuchte es noch einmal lauter: »Zack?«
    »Wo sind die Pumas?« Sam Westin hielt das Handy ans Ohr und stellte ein Bein auf die Picknickbank, um die von der langen Fahrt verkrampften Muskeln zu lockern.
    »Auch dir einen guten Tag, Sam«, knarzte Ranger Kent Bergstrom. »Wolltest du nicht schon gestern hier sein?«
    »Erinnere mich bloß nicht«, sagte sie. »Hast du das Loch auf der Tafel am Goodman Trail schon gesehen? Sie haben dem Puma glatt durchs Herz geschossen.« Sam hob das Kinn und blickte erneut auf den Sonnenstrahl, der durch das Sperrholz und die aufgesetzte Plexiglasscheibe fiel. So etwas fand sie schlichtweg zum Kotzen.
    »Ich weiß, sie haben den Typen vor zwei Tagen erwischt. Bei einem Bier erzähl ich dir alles.«
    Ein eisgekühlter Schluck von was auch immer wäre himmlisch. Sam unterdrückte ein

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