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Süße Herzensbrecherin

Süße Herzensbrecherin

Titel: Süße Herzensbrecherin
Autoren: Helen Dickson
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1. KAPITEL

    1813
    William Lampard, Earl of Carlow, hatte es von jeher sehr genossen, bei Morgengrauen durch den menschenleeren Green Park zu sprengen, und auch an diesem Tag versetzte ihn der scharfe Galopp in einen regelrechten Rauschzustand. Eine schwache Brise löste den frühmorgendlichen Nebel auf, und vor ihm erstreckte sich der Park in graugrünen und braunen Farbtönen, die mit den ersten Sonnenstrahlen allmählich von goldenen Sprenkeln durchsetzt wurden. Die Vögel in den Bäumen erwachten, und leises Gezwitscher hallte über die Wiesen. In diesen wenigen Minuten, in denen William den Weg hinaufpreschte, gab es nur ihn und sein Pferd – keine Pflichten oder Erwartungen, die er zu erfüllen hatte, nur die Unbekümmertheit des Moments.
    Er zügelte den Wallach zu einem ruhigeren Trab und strebte, den schmalen Weg verlassend, zu einer Baumgruppe hinüber. Wie gut es sich anfühlte, wieder in London zu sein, nachdem er diese drei Jahre in Spanien gewesen war! William hatte den Gedanken kaum zu Ende gedacht, als plötzlich ein Schuss der Unbeschwertheit seines morgendlichen Ausritts ein jähes Ende bereitete. Er verspürte einen sengenden Schmerz, als das Geschoss in seine Schulter eindrang, dann begann sich alles um ihn zu drehen. Im nächsten Augenblick stürzte er aus dem Sattel und fiel ins taufeuchte Gras, hinab in ein schwarzes Nichts. Die Welt um ihn stand still.
    Cassandra Greenwood war an diesem Morgen früher als üblich aufgebrochen, um nach Soho zu gelangen, wo sie arbeitete, und hatte die Strecke durch den Park gewählt. Ihre Chaise bog gerade auf den Hauptweg ein, als ein Schuss durch die Luft knallte. Cassandra schrak zusammen, dann spähte sie vorsichtig aus dem Fenster. Sie sah, wie etwa eine Viertelmeile voraus ein Reiter durch das Unterholz brach und davongaloppierte, als sei der Leibhaftige hinter ihm her.
    „Spornen Sie die Pferde an, und halten Sie bei der Stelle, an der der Mann aus dem Wald gekommen ist“, befahl sie ihrem Kutscher Clem. Da der Green Park zu dieser frühen Stunde häufig als Austragungsort fragwürdiger Ehrenhändel diente, wollte sie herausfinden, ob jemand verletzt worden war.
    Clem und sie mussten nur wenige Schritte durch das Unterholz zurücklegen, dann gelangten sie auf eine Lichtung und erblickten den am Boden liegenden Verletzten. Der Kutscher ging neben dem reglosen Körper in die Hocke und drehte ihn auf den Rücken.
    „Er lebt noch, Miss, Gott sei Dank.“
    Allmählich kam William zur Besinnung. Wie durch einen Dunstschleier nahm er die junge Frau in dem dunkelgrauen Mantel wahr, die neben ihm kniete. Hinter ihr war ein stämmiger Mann damit beschäftigt, den verängstigten Wallach zu beruhigen. Ein dumpfes Hämmern in seinem Kopf drängte sich in Williams Bewusstsein, genau wie der pochende Schmerz in seiner Schulter.
    Der Angeschossene hatte die Augen geöffnet. Sie waren von einem ungewöhnlich klaren Blau, wie Cassandra feststellte. Unter anderen Umständen mussten diese Augen vor Lebenslust und Leidenschaftlichkeit sprühen, doch im Moment erinnerten sie an einen fernen Ozean, über den gerade ein Sommersturm hinwegzog. „Ich bin froh, dass Sie noch unter uns weilen“, sagte sie mit ihrer kultivierten, ruhigen Stimme und neigte anmutig den Kopf zur Seite, sodass die Krempe ihrer Schute ihr Antlitz beschattete. „Man hat auf Sie geschossen. Wollen wir hoffen, dass Sie nicht ernsthaft verletzt sind.“
    Ein wenig schief erwiderte William das ermutigende Lächeln, das ihren letzten Satz begleitet hatte, und versuchte sich aufzusetzen, um ihre Befürchtungen zu zerstreuen. Doch der Schmerz in der Schulter wurde so stechend, dass er zusammenfuhr, die Augen schloss und sich zurückfallen ließ. Ohne zu zögern, knöpfte sie seinen blutgetränkten Reitrock auf, löste das tadellos gebundene Krawattentuch und schob sein Hemd zur Seite, um das Einschussloch mit nonnenhaft unbewegter Miene zu betrachten, als sei sie an den Anblick derartiger Verletzungen gewöhnt.
    Sie griff in ihr Retikül und zog ein fein zusammengefaltetes Taschentuch daraus hervor. Mit ihren schlanken Fingern presste sie es auf die Wunde, um die Blutung zu stoppen.
    „Sie versorgen nicht zum ersten Mal einen Verletzten.“ Die tiefe Stimme des Fremden erzeugte Cassandra ein seltsames Gefühl in der Magengegend.
    „Das stimmt“, gab sie zu. „Meine Patienten werden allerdings nicht angeschossen und sind deutlich jünger als Sie.“ Sie betrachtete die Garderobe des Fremden, die

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