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Sündenflut: Ein Merrily-Watkins-Mystery (German Edition)

Sündenflut: Ein Merrily-Watkins-Mystery (German Edition)

Titel: Sündenflut: Ein Merrily-Watkins-Mystery (German Edition)
Autoren: Phil Rickman
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1 Die Grotte
    Als er die Holzpferde betrachtete, die auf dem vergoldeten Karussell auf und nieder wippten, erschien Bliss die Dunkelheit hinter den kreisenden Lichtern wie ein dunkles Loch.
    Das Stadtzentrum an einem feuchten Abend zur Wintersonnenwende, um die Fast-Food-Stände herum verschwommene Gesichter. Bliss winkte seinen Kindern auf den bunt bemalten Pferden fröhlich zu. Tat, was man von einem Papa erwartete. Seine Kinder winkten nicht richtig zurück, hoben nur ein winziges bisschen die Finger, diese boshaften kleinen Scheißer.
    Kirstys Kinder. Hereforder Kinder, deren Erzeuger irgendwie Francis Bliss aus Knowsley, Merseyside, war. Seine Kinder sprachen mit Hereforder Akzent. Die Spielkameraden seiner Kinder fanden seine Aussprache komisch, lachten ihn hinter vorgehaltener Hand aus, versuchten ihn nachzuahmen, ihn, diese Liverpooler Lachnummer.
    Eine Liverpooler Lachnummer in Hereford. An zwei oder drei Mittwochabenden vor Weihnachten hatten die Läden jetzt immer bis neun Uhr abends auf.
    Und warum war die Festbeleuchtung eisig blau? Warum gab es keinen Weihnachts-Chor, keine exotische Andentruppe in haarigen Decken, die «Stille Nacht» auf ihren Panflöten spielte?
    Vielleicht hatte das Stadtratsgremium für ethnische Fragen dagegen gestimmt, aus Rücksicht auf die paar Muslime, die es in Hereford gab.
    «Da kommen sie wieder», sagte Kristy. «Winken.»
    Bliss winkte dem Karussell. Es sah aus wie eine Geburtstagstorte auf einem beschissenen Leichenschmaus. Dahinter brannte in allzu vielen Läden nur noch die schwache Sicherheitsbeleuchtung. Die autofahrerfreundlichen Großmärkte im Umkreis schwammen im Geld, während die alteingesessenen Familienunternehmen in der Altstadt verhungerten. Und jetzt hatte der Stadtrat im Norden der Stadt ein gigantisches Einkaufszentrum genehmigt, das den alten Viehmarkt schluckte und keinem anderen Zweck diente, als das traditionsreiche Hereford von den restlichen Scheißstädten in diesem Müllhalden-England ununterscheidbar zu machen.
    Als Bliss die vereinzelten Einkäufer herumschlendern sah – die nirgendwohin wollten und beinahe nichts kauften – stiegen Einsamkeitsgefühle in ihm auf. Kirsty hatte sich ein paar Schritte vom Karussell entfernt und schlug mit behandschuhten Händen den Kragen ihrer neuen Schaffelljacke hoch.
    «Also gut, Frank, was ist los mit dir?»
    Er seufzte. Nie hatte er ihr verständlich machen können, wie sehr er diese Anrede hasste. Als er aufwuchs, war er immer Frannie gewesen und sonntags auch mal Francis, aber Kirsty musste ihn unbedingt
Frank
nennen.
    «Ich verstehe dich nicht mehr», sagte Kirsty. «
Ein
Abend für mich und die Kinder. Nur ein einziger Abend …»
    «Für die Kinder?»
Bliss starrte seine Frau an. «
Kairsty
, die machen das doch nur unseretwegen. Die säßen viel lieber zu Hause, vor ihren beschissenen Computern.»
    «Klar», sagte Kirsty grimmig, «das musste jetzt ja kommen.»
    «Glaub bloß nicht, mir macht das Spaß.»
    «Und was macht dir überhaupt noch Spaß, Frank?»
    Kirsty wandte sich ab – wahrscheinlich hätte sie eine ehrliche Antwort ohnehin nicht verkraftet. Bliss atmete tief ein und schloss die Augen, die Lautsprecher am Karussell plärrten etwas von rieselndem Schnee, obwohl vollkommen klar war, dass es nicht schneien würde, weder heute noch an Weihnachten; es würde regnen und regnen.
    Beim Geräusch einer abprallenden Blechdose wirbelte Bliss unwillkürlich herum.

    Es war ein Lager-Bierdose. Sie rollte vor den Sexshop, der geschlossen zu sein schien. Sie war von einem Kerl abgeprallt, der ein Affenkostüm und eine Affenmaske und ein Plakat trug, auf dem stand: LASS DICH VOM ALKOHOL NICHT ZUM AFFEN MACHEN .
    Drei Jungs, Teenager, bespritzten den Typen im Affenkostüm mit Bier. Zwei Uniformierte vom Ordnungsdienst schlenderten hin, eine junge Frau und ein stämmiger Mann, dessen Wangen von roten Äderchen durchzogen waren.
    «Fuck», sagte einer der Jungs. «Wer hat denn die Politessen gerufen?»
    «Pass auf, was du sagst.» Der ältere Pseudobulle musste sich sichtlich beherrschen – die beiden konnten einem geradezu leidtun. «Wie alt bist du?»
    Der Junge ging zu ihm und baute sich direkt vor ihm auf, den schmalen Kopf übertrieben zur Seite geneigt, Zähne wie ein Hai und ein Embryo von Schnurrbart.
    «Und wie alt bist
du
, Opa?»
    «Hast du die Dose geworfen?»
    «Und was willste machen? Mich mit deinem Rollator platt walzen, oder was?»
    Bliss knurrte leise, es klang fast wie das

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