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Sturmwind der Liebe

Sturmwind der Liebe

Titel: Sturmwind der Liebe
Autoren: Catherine Coulter
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PROLOG
    Landsitz Carrick, Northumberland, England
    Dezember 1814
    Mit den Lippen berührte Alec die bleiche Stirn seiner Frau, die noch immer von einem feinen Schweißfilm überzogen war. Jetzt war es zu spät. Zu spät, um die Worte auszusprechen, die ihm in der Kehle steckengeblieben waren. Schließlich nahm er ihre Arme und legte sie ihr über Kreuz auf die Brust. Sie fühlte sich schon kalt an.
    Dennoch wäre er nicht überrascht gewesen, wenn sie plötzlich die Augen aufgeschlagen, ihn angelächelt und ihn gebeten hätte, ihr ihren Sohn zu bringen. Sie hatte sich so sehr einen Sohn gewünscht. Er sollte den Namen Harold erhalten. Nach dem Sachsenkönig, der gegen William von der Normandie gekämpft hatte und unterlegen war.
    Alec schaute auf sie hinab und dachte: Ein Kind, Nesta, war es nicht wert, daß du dein Leben dafür gabst. O Gott, schlag die Augen auf, Nesta! Aber sie rührte sich nicht. Sie schlug die Augen nicht auf. Seine Frau war nach fünf Jahren Ehe tot! Und in einem anderen Zimmer lag ein kleines Menschenkind und lebte. Der Gedanke war unerträglich.
    »My Lord.«
    Langsam wandte Alec sich um. Vor ihm stand der Arzt seiner Frau, ein kleiner, stutzerhaft gekleideter Mann, der in dem warmen Zimmer heftig schwitzte.
    »Ich kann gar nicht sagen, wie leid es mir tut, my Lord.«
    Alec stand auf. Turmhoch ragte er vor dem Arzt auf. Er wollte ihn einschüchtern. Der Mann sollte vor Angst zittern. Er hatte seine Frau sterben lassen. Er sah das getrocknete Blut an den Händen des Arztes und an den Ärmeln seines schwarzen Jacketts, und er hätte ihn am liebsten umgebracht.
    »Das Kind?«
    Dr. Richard zuckte bei dem barschen Ton Baron Sherards zusammen. »Sie ist anscheinend kerngesund, my Lord.«
    »Anscheinend, Sir?«
    Dr. Richards senkte den Blick. »Ja, my Lord. Es tut mir aufrichtig leid. Ich konnte die Blutung nicht stoppen. Ihre Frau hat viel Blut verloren, und sie war sehr schwach. Ich konnte nichts dagegen tun. Wenn so etwas geschieht, ist die ärztliche Kunst machtlos. Ich …«
    Mit einer Handbewegung wehrte der Baron die Worte des Arztes ab. Vor drei Tagen hatte Nesta noch gelacht und voller Vorfreude Pläne für das Weihnachtsfest gemacht. Trotz ihres mächtigen Leibesumfangs, der geschwollenen Fußgelenke und der quälenden Rückenschmerzen. Jetzt war sie tot. Und er war nicht bei ihr gewesen, als sie starb. Der Arzt hatte ihn nicht gerufen. Der Mann hatte gesagt, es sei alles sehr schnell geschehen. So plötzlich, daß keine Zeit gewesen sei, ihn zu benachrichtigen. Alec fand keine Worte. Ohne sich umzuschauen, ging er rasch aus dem Schlafzimmer seiner Frau.
    »Jetzt hat er nicht mal einen Erben«, sagte Mrs. Raffer, die Hebamme, und bedeckte das Gesicht der Baroneß sorgfältig mit einem Laken. »Na ja, ein Gentleman findet immer und überall eine andere Frau, besonders ein so schöner Pfau wie der Baron. Er wird schon noch einen Erben bekommen.«
    »Hat er schon einen Namen für das Kind genannt?«
    Die Hebamme schüttelte den Kopf. »Er ist noch nicht mal bei dem Baby gewesen, hat es sich nur nach der Geburt kurz angesehen. Die Amme sagt, es trinkt wie verrückt. Was soll man dazu sagen? Die Mutter verblutet, und das kleine Ding ist so munter wie ein Wiesel!«
    »Ich glaube, der Baron hat seine Frau sehr geliebt.«
    Die Hebamme nickte nur. Dann verließ der Arzt das Haus. Dieser eingebildete, nichtsnutzige Dummkopf! Er fühlte sich schuldig. Mit Recht. Innere Verblutung! Die Baroneß war kerngesund gewesen. Aber Dr. Richards hatte ihr zugeredet, recht viel zu essen, und sie war zu schwer geworden. Ganz rot im Gesicht. Zu hoher Blutdruck. Es war ein schweres Kind, die Geburt hatte zu lange gedauert, und Dr. Richards hatte nichts getan, als an ihrem Bett zu stehen und die Hände zu ringen. Verdammter alter Narr!
    Alec Carrick, fünfter Baron Sherard, ließ seinen Hengst Lucifer satteln. Von den Stallungen ritt er barhäuptig im schwarzen Jackett und nichts darüber in den Schneesturm hinaus.
    »Er wird sich den Tod holen«, sagte Davie, der erste Stalljunge auf dem Landsitz Carrick.
    »Es hat ihn schrecklich mitgenommen«, sagte der Knecht Morris, dessen Hauptaufgabe es war, die Ställe auszumisten. »Die Baroneß war eine nette Dame.«
    »Er hat doch sein Kind«, sagte David.
    Morton erschauerte in der grimmigen Kälte. Als ob der Baron keine Gefühle hätte, als ob es ihm nichts ausmachen dürfte, daß seine Frau gestorben war!
    Drei Stunden später kam Alec zum Landsitz zurück. Er war

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