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Strengstens verboten

Strengstens verboten

Titel: Strengstens verboten
Autoren: Patrick Carman
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Auf das Dach!
    Leo Fillmore wurde von dem Geräusch der Heckenschere geweckt. Das war Mr Phipps, der Gärtner, der die Büsche draußen vor dem kleinen Fenster in Form schnitt. Sein geisterhafter Schatten glitt über die Wände des Kellers. Jeden Montag beim ersten Hahnenschrei ging Mr Phipps vor Leos Fenster dieser Arbeit nach, und das Geräusch der Heckenschere drang wie eine Stimme herein, die zu sagen schien: Wach auf, wach auf, wach auf!
    Leo setzte sich im Bett auf und dachte als Erstes an die Stimme seiner Mutter; dann dachte er an die Enten und ans Frühstück. Danach fiel ihm das ein, was er während seines Schlafs zu vergessen gehofft hatte: Merganzer D. Whippet, der Besitzer und Erfinder des Whippet Hotels, war verschwunden. Er war schon lange fort – einhundert Tage und mehr –, und Leo fragte sich allmählich, ob der Mann, der das außergewöhnlichste Hotel der Welt gebaut hatte, jemals wieder auftauchen würde. Er versuchte seine Gedanken vorerst mal abzustellen, während er zusah, wie Mr Phipps’ Schatten vorüberglitt.
    Leo war ein kleiner Junge von zehn Jahren mit einem dichten Lockenschopf auf dem Kopf. Wäre seine Mutter noch am Leben gewesen, dann hätte sie ihm die Haare schon vor Monaten geschnitten. Manchmal sah Mr Phipps, der eigentlich von ruhiger Natur war, Leos Kopf an wie eine große grüne Hecke, die beschnitten werden musste.
    Nach dem Tod von Leos Mutter waren er und sein Vater in den Heizungsraum im Untergeschoss gezogen. Von hier aus kümmerten die beiden sich um das Whippet Hotel. Fünf Jahre später hatte Leo das Gefühl, niemals woanders gewohnt zu haben. Sie schliefen auf schmalen Pritschen, zwischen denen sich die gurgelnde Waschmaschine befand. Es gab einen Arbeitstisch aus Betonsteinen, über denen eine alte Tür als Tischplatte lag, die über und über voll war mit Gerätschaften und Gebrauchsanweisungen und Rechnungsbelegen. Durch das Kellerfenster drangen weiches Licht und sanfte Schatten. Apparate und Kisten standen überall herum, außerdem ganze Regale voller Türklinken und sonstigem Hotelzubehör. In der feuchtesten, dunkelsten Ecke des Kellers befand sich ein riesiger, tröpfelnder Boiler – der Heizkessel.
    Es könnte sich so anhören, als sei das Kellergeschoss des Whippet Hotels eine ziemlich schäbige Wohnung, aber es war gemütlich und vor allem kühl in den heißen Sommermonaten. Leo liebte die gedämpften Geräusche und Gerüche, seine leichte Bettdecke, die kleine Küchenzeile, die man aus einer der Wände klappen konnte, und den keuchenden Boiler, der niemals zu schlafen schien.
    Während Mr Phipps weiterging und das Geräusch der Gartenschere vor seinem Fenster leiser wurde, schlich Leo zur Kaffeemaschine neben dem farbverspritzten Spülbecken. Schon bald erfüllte der köstliche Duft nach Morgen den Keller und Leos Vater rührte sich. Ein paar Minuten später standen Clarence und Leo Fillmore in Schlafanzügen vor der Schaltzentrale, dem elektronischen Organisationszentrum des Hotels, und prüften, was an diesem neuen Tag alles anstand. Die Schaltzentrale nahm die ganze Wandfläche über dem provisorischen Arbeitstisch ein. Sie war nur ein Beispiel für die seltsamen und ungewöhnlichen Dinge, die Mr Whippet überall im Hotel installiert hatte. Es gab an der Wand Glocken und Knöpfe und Lampen, die blinkten und sich drehten. Es gab eine Sirene mit Messingröhren, die sich über die ganze Decke zogen. Es gab Wählscheiben, Felder mit Knöpfen und Messgeräte, die den Wasserdruck und die Temperatur anzeigten. Und mitten in der Schaltzentrale war ein Haifischkopf, dessen gebogene Zähne hämisch grinsten. Darunter stand das Wort Daisy, wahrscheinlich der Name des Haifischs. Daisy sah aus, als sei sie durch die Wand gebrochen und dort stecken geblieben, für immer dazu verdammt, im Keller des Whippet Hotels Nachrichten auszuspucken.
    Â»Wir haben ungefähr noch dreißig Sekunden, ehe sie aufwacht«, sagte Clarence Fillmore, schlürfte seinen Kaffee und kratzte sich die grauen Stoppeln an seinem Kinn. Daisys Augen waren geschlossen, als würde sie träumen und einem Schwarm erschrockener Goldfische hinterherschwimmen. »Schnell raus aus den Schlafanzügen.«
    Leo war zu klug, um das Gespür seines Vaters anzuzweifeln. Clarence Fillmore hatte ein frappierendes Zeitgefühl, wenn

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