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Streng vertraulich

Streng vertraulich

Titel: Streng vertraulich
Autoren: Dennis Lehane
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1 _____
    Die Bar im Ritz-Carlton geht auf den Stadtpark hinaus, Einlaß nur mit Krawatte. Ich habe den Park schon von anderen Aussichtspunkten aus betrachtet, ohne Krawatte, und mich niemals unangemessen gekleidet gefühlt, aber vielleicht weiß das Ritz ja etwas, das mir unbekannt ist.
    Meine Vorlieben, was Klamotten anbetrifft, beschränken sich normalerweise auf Jeans und Freizeithemden, aber da es hier um einen Job ging, richtete ich mich nach meinem Auftraggeber, nicht umgekehrt. Außerdem war ich in letzter Zeit mit der Wäsche nicht nachgekommen. Ich holte einen dunkelblauen, zweireihigen Armani-Anzug aus dem Kleiderschrank - einer von den vielen, die ich anstelle von Bargeld von einem Kunden bekommen hatte -, fand die passenden Schuhe, Krawatte und Hemd, und im Handumdrehen sah ich zum Anbeißen aus.
    Als ich die Arlington Street überquerte, begutachtete ich mich in dem geschwärzten Fenster der Bar. Meine Schritte waren schwungvoll, in meinen Augen war ein Leuchten, kein Haar lag am falschen Platz. Die Welt war in Ordnung.
    Ein junger Portier mit so glatten Wangen, daß er die Pubertät einfach übersprungen haben mußte, öffnete die schwere Messingtür und sagte: »Willkommen im Ritz-Carlton, Sir.« Und er meinte es ernst; seine Stimme zitterte vor Stolz, daß ich sein süßes, kleines Hotel auserkoren hatte. Mit schwungvoller Geste hielt er den Arm ausgestreckt, um mir den Weg zu zeigen, für den Fall, daß ich nicht wußte wohin, und bevor ich ihm danken konnte, war die Tür schon wieder hinter mir geschlossen, und er winkte für eine andere glückliche Seele das beste Taxi der Welt heran.
    Meine Schuhe hallten auf dem Marmorboden wie Soldatenstiefel wider, die Bundfalten meiner Hose spiegelten sich in den Messingaschenbechern. Immer wenn ich im Ritz bin, denke ich, gleich sehe ich George Reeves als Superman in Zivil in der Lobby, oder vielleicht Humphrey Bogart und Raymond Massey, die zusammen eine rauchen. Das Ritz ist eines von den Hotels, die in ihrer gediegenen Opulenz unverwüstlich sind: Die Orientteppiche sind dick und flauschig, die Theke des Concierge und die Rezeption sind aus glänzender Eiche, das Foyer ist eine geschäftige Zwischenstation für herumlümmelnde Powerbroker, die in ihren weichen Lederaktentaschen Futures herumtragen, für ungeduldige kultivierte Fürstinnen in Pelzmänteln, die jeden Tag einen Maniküretermin haben, und für eine Legion von dunkelblau uniformierten Dienern, die robuste Kofferwagen aus Messing über den dicken Teppich ziehen und ein kleines Knirschgeräusch verursachen, wenn die Räder über die Kanten rollen. Egal, was draußen vor sich geht, man könnte in dieser Lobby stehen, die Menschen beobachten und glauben, die Deutschen seien noch immer dabei, London zu bombardieren.
    Ich ging an dem Pagen der Bar vorbei und öffnete die Tür selbst. Wenn ihn das amüsierte, so zeigte er es nicht. Wenn er lebte, so verbarg er es ebenfalls. Als ich auf dem Plüschteppich stand und die schwere Tür sanft hinter mir schloß, entdeckte ich sie an einem der hinteren Tische mit Blick auf den Park. Drei Männer mit so viel politischem Einfluß, daß sie uns mit ihren Marathonreden bis ans Ende unseres Lebens nerven werden.
    Der jüngste von ihnen, Jim Vurnan, stand auf und lächelte, als er mich sah. Jim ist mein Abgeordneter, also ist das sein Job. Energisch schritt er mit ausgestreckter Hand über den Teppich, ein breites Jack-Kennedy-Lachen im Gesicht. Ich ergriff sie. »Hi, Jim.«
    »Patrick«, sagte er in einem Ton, als ob er den ganzen Tag an der Straße gestanden hätte, um auf meine Rückkehr aus dem Kriegsgefangenenlager zu warten. »Patrick«, wiederholte er, »schön, daß du es geschafft hast.« Er legte mir die Hand auf die Schulter und musterte mich anerkennend, als hätte er mich nicht erst gestern das letzte Mal gesehen. »Gut siehst du aus.«
    »Willst du mit mir ausgehen?«
    Jim lachte herzhaft, viel herzhafter, als notwendig gewesen wäre. Er führte mich zum Tisch. »Patrick Kenzie, Senator Sterling Mulkern und Senator Brian Paulson.«
    Jim sagte »Senator«, wie anderen Menschen »Hugh Hefner«, der Name des Playboy -Begründers, über die Zunge kam - mit verständnisloser Ehrfurcht.
    Sterling Mulkern war ein fleischiger Mann mit rotem Gesicht, einer von der Sorte, die ihr Gewicht wie eine Waffe tragen, nicht wie eine Behinderung. Er hatte einen nach vorne stehenden weißen Haarschopf, auf dem man eine DC-10 hätte landen können, und einen Händedruck,

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