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Stille Nacht: Ein Fall für Hubertus Hummel (German Edition)

Stille Nacht: Ein Fall für Hubertus Hummel (German Edition)

Titel: Stille Nacht: Ein Fall für Hubertus Hummel (German Edition)
Autoren: Stefan Ummenhofer , Alexander Rieckhoff
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1. EISHOCKEYBLUES
    Dampfschwaden lagen über Bahnsteig 2 des Mannheimer Hauptbahnhofs. Sie stammten von den Fahrgästen, die steif gefroren auf den Intercityexpress in Richtung Basel warteten. Hubertus Hummel zog sich seine Pudelmütze tief ins Gesicht. Er war Mitte vierzig und von Beruf Lehrer. Momentan musste er froh sein, dass ihn keiner seiner Schüler zu Gesicht bekam. Um den Hals trug er seinen blau-weißen Schal, der noch immer nach Glühwein roch. Immer wieder stampfte er mit den Füßen auf, doch seine blutleeren Zehen wollten einfach nicht warm werden.
    Aber nicht nur deshalb war er schlecht gelaunt.
    »Das war’s dann. So ein verdammter Mist, Klaus«, murmelte er seinem Begleiter zu.
    Klaus Riesle, der Lokaljournalist vom Schwarzwälder Kurier, sah auch nicht gerade glücklich aus. Dabei war der drahtige Mann mit den kurzen dunklen Haaren ansonsten stets hellwach und begierig, irgendwelche Neuigkeiten aufzuschnappen. Die beiden Freunde hatten über die Jahre mindestens dreihundert Eishockeyspiele ihres Lieblingsklubs Schwenninger ERC mitverfolgt. Doch eine Stunde zuvor hatten Hubertus, Klaus und weitere zwölftausend Zuschauer das letzte Saisonspiel der »Wild Wings«, wie die Schwenninger Mannschaft neuerdings genannt wurde, mitverfolgt – und zwar ausgerechnet beim Erzrivalen »Mannheimer Adler«. Drei zu fünf hatten sie an diesem Freitagabend nach einem harten Kampf das siebte und letzte Play-off-Viertelfinale verloren. Und dabei waren sie so knapp an einer Sensation dran gewesen!
    »Das Leben ist nicht fair«, seufzte Riesle und beobachtete ein paar laut johlende Mannheimer Eishockeyfans, die siegestrunken in einen der auf Gleis 5 wartenden Vorortzüge stolperten. Hummel warf einen Blick auf die Anzeige.
    »Verdammt. Zehn Minuten Verspätung«, fluchte er. »So kriegen wir den Anschluss in Offenburg nie.« Er holte die Hände aus den Taschen und hauchte mehrmals kräftig in die Fäuste: »Wir hätten eben doch mit einem der Fanbusse fahren sollen.«
    »Oder mit dem Kadett«, ergänzte Klaus Riesle. Auf seinen alten Opel ließ er nichts kommen. Nur mit Mühe hatte Hubertus ihn davon überzeugen können, angesichts der großen Schneemenge den Zug zu nehmen.
    Hubertus winkte ab: »Was soll’s, lässt sich jetzt eh nicht ändern. So treffen wir wenigstens Edelbert.«
    Edelbert Burgbacher war ein guter Freund der beiden. Er hatte mit Eishockey allerdings so wenig am Hut wie Klaus mit der Schauspielerei. Letztere war die Leidenschaft von Burgbacher, der das kleine Zähringer-Theater in Villingen leitete. Im Eishockeystadion war er nur einmal in seinem Leben gewesen: damals, als Hubertus und Klaus den Mord an einem Lehrerkollegen von Hummel aufgeklärt hatten. Damals waren die »Wild Wings« nach einer langen Durststrecke wieder in die oberste Spielklasse aufgestiegen.
    Edelbert war am heutigen Tag zu Gast in der Frankfurter Oper gewesen. Auf dem Programm hatte Wagner gestanden, »Der fliegende Holländer«. Ein wenig zu wuchtig für Edelbert, der eigentlich italienische Opern vorzog, doch bei Freikarten durfte man sich nicht beschweren.
    Die Freunde hatten sich für die Rückfahrt verabredet. Edelbert wollte den ICE um achtzehn Uhr fünfzig ab Frankfurt Hauptbahnhof nehmen und Hubertus und Klaus um neunzehn Uhr fünfunddreißig in Mannheim aufgabeln.
    Doch nun zeigte die Uhr über dem Gleis bereits neunzehn Uhr zweiundvierzig an – und vom Zug war weit und breit nichts zu sehen.
    Plötzlich knarzte die Stimme der Zugansagerin in breitem Mannheimerisch durch den Lautsprecher: »Auf Gleis 2 fährd jetzt ein der verspädede Intercityexpress nach Basel.«
    Hubertus und Klaus stiegen ein und durchforsteten die Abteile auf der Suche nach ihrem Freund. Erst kurz vor Karlsruhe fanden sie ihn – im Speisewagen, bei einer teuren Flasche Rotwein, völlig vertieft ins Gespräch mit einem eleganten Mann um die fünfzig, der dunkles, grau meliertes Haar hatte und eine stilsichere randlose Brille trug.
    »Das Ableben Sentas hätte man nun weiß Gott eindrücklicher inszenieren können«, dröhnte Burgbachers Bass durch den Wagen. Die Äderchen auf seiner Stirn und an den Schläfen pochten vor Empörung, auf seiner Glatze spiegelte sich das matte Zuglicht. Auch er hatte sich heute in Schale geworfen und trug einen dunklen Anzug. »Preis deinen Engel und sein Gebot!«, deklamierte er. »Hier steh’ ich – treu dir bis zum Tod.«
    »Ich verstehe auch nicht, warum man sie aus einem Pappleuchtturm statt von einem Felsen

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