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Sternenzitadelle

Sternenzitadelle

Titel: Sternenzitadelle
Autoren: P Bordage
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ERSTES KAPITEL
    Neunzig Jahre habe ich geglaubt, es genüge, die Welt zu beobachten, um mit vollem Recht als Mensch bezeichnet zu werden, und ich habe mich infolgedessen während dieser gesamten Zeit von der Welt isoliert. Ich glaubte, es genüge diese Isolation, um das Funktionieren des Universums zu verstehen. Deshalb wurde ich zu einem Gefangenen der verschlungenen Pfade meines Verstandes. Länger als sechzig Standardjahre lebte ich auf einem toten Planeten im Herzen der Via Lactea. Während ich mich als einen Wegbereiter der Menschheit betrachtete, war ich nur einer ihrer Nachzügler. Ich glaubte, es genüge, Zeuge des Anbruchs des Zeitalters des Nichts zu sein, um meine Existenz zu rechtfertigen. Unter meinen Augen wurde die In-Creatur immer mächtiger, sie verschlang Abermillionen Sterne, und ich begnügte mich damit, ihr Verschwinden zu bedauern.
    Ich hatte meinen Reisegefährten, Nahum Arratan, begraben. Und ich muss gestehen, dass ich bei seinem Tod eine große Erleichterung empfand, denn inzwischen hatte ich ihn gehasst. Länger als dreißig Jahre hatten wir in gefährlicher Nähe zusammengelebt, und ich weigerte mich, mich in dem Spiegel zu betrachten, den er mir vorhielt. Heute weiß ich, dass ich ihm sein Scheitern nicht verzeihen konnte: Unser Raumschiff war defekt, und ihm, dem Roboterspezialisten, war es nicht gelungen, die unzähligen Androiden, Roboter und andere vor
uns auf diesem toten Stern gestrandeten künstlichen Menschen zu neuem Leben zu erwecken. Durch eine sel tsame Fügung des Schicksals waren wir bis an das Ende unserer Tage gezwungen, auf einem Technologiefriedhof zu leben, inmitten dieser vielen Hundert Raumschiffe, sie alle Symbole menschlichen Stolzes und Versagens …
    Dreißig Jahre lebte ich allein dort, verwandelte mich langsam in ein Tier, meiner Menschlichkeit beraubt. Mein nie versiegender Zorn hinderte mich jedoch daran, einen versöhnlichen Blick auf mich selbst zu richten. Unbewusst hoffte ich wohl darauf, dass das Nichts mich verschlinge und meinen Qualen ein Ende setze. Doch es geschah nicht: Dieser tote Stern, den ich in einer späten Anwandlung von Reue Arratan getauft hatte, wehrte sich dagegen, im Nichts zu verschwinden, und ich war außerstande, dieses unerklärliche Phänomen zu deuten …
    Sri Hampra
(»Herr der Affen« auf Sadumba)

    T ixu Oty ließ den Blick lange über den Friedhof der Weltraumschiffe schweifen. Unzählige schienen auf diesem öden Planeten mit voller Absicht gelandet zu sein. Manche steckten halb im Boden, und sie glichen jenen Riesenechsen auf Zwei-Jahreszeiten, die sich am Ende ihres Lebens in nur ihnen bekannte Regionen zurückzogen, um dort zu sterben.
    Oberflächlich betrachtet, schienen die Schiffe aus dem mittleren Zeitalter der naflinischen Epoche zu stammen – zwischen den Jahren 4000 bis 6000. Wahrscheinlich hatten sie sich als Antriebsmodus des Shlaar-Effekts bedient und auf diese Weise das viele Tausend Lichtj ahre entfernt liegende Zentrum der Galaxie erreichen können. Zwar unterschieden sie sich durch Form und Spannweite, aber die Metalllegierungen ihrer Rümpfe waren identisch, auch die mit Antennen und Parabolspiegeln versehenen Aufbauten ähnelten sich.
    Nicht ein Stern leuchtete am nachtschwarzen Himmel. Das diffuse Licht, in dem sich die bizarren Silhouetten der Raumschiffe mit seltsamer Klarheit abzeichneten, schien aus der schwammartigen Erde selbst zu kommen.
    Tixu hörte ein andauerndes dumpfes Geräusch. Es erinnerte ihn an das leise Brummen eines Motors wie etwa der Zerkleinerungsmaschine für Abfälle auf seinem Heimatplaneten Orange. Er hatte nicht die leiseste Ahnung, wo
er sich befand. Er wusste nicht, warum ihn das Antra auf diesen trostlosen und zudem unerträglich kalten Planeten gebracht hatte, noch wusste er, wie viele Welten er seit seinem Aufbruch von Terra Mater besucht hatte. Wahrscheinlich mehr als fünfhundert. In dem Maße, wie ihm die Hüterin der Pforte in der Grotte der Hymlyas klar und deutlich erschienen war, erwiesen sich seine Bemühungen, zu ihr zu gelangen, als quälend und bisher vergeblich.
    Allmählich mangelte es ihm auch an Energie für die Antra-Reisen. Er brauchte immer mehr Zeit zur Erholung, und es fiel ihm zunehmend schwerer, den Zustand der inneren Stille zu erlangen, so als würde sich der Kern seines Wesens allmählich im Äther auflösen. Manchmal vergaß er sogar, warum er aufgebrochen war. Dann hatte er das Gefühl, in einem Abgrund von Traurigkeit zu versinken, die schon an

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