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Stella Menzel und der goldene Faden (German Edition)

Stella Menzel und der goldene Faden (German Edition)

Titel: Stella Menzel und der goldene Faden (German Edition)
Autoren: Holly-Jane Rahlens
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sonst –»
    Isabel kam ins Zimmer gestürmt. «Ist was passiert?»
    «Zu spät», sagte Josephine seufzend zu Stella.
    «Oma erzählt mir eine Geschichte», sagte Stella. «Über einen verzauberten Stoff.»
    «Verzaubert?», sagte Isabel und beäugte den seidenen Stoff, der ein Kleid geworden war. «Ein Zaubertuch?»
    Stella verdrehte die Augen. «Nein! Zauberei gibt es nur in Märchen. Das ist eine wahre Geschichte.»
    «Metaphorisch gesprochen ist er verzaubert», sagte Josephine zu ihrer Tochter. «Weil er in seinen Falten wundersame Geschichten verbirgt.»
    «Ich verstehe», sagte Isabel, ohne zu verstehen.
    «Eine Geschichte handelt von Schneestern und Russland und Berlin», fuhr Stella fort. «Und New York. Und vom Krieg. Und –»
    «Vom Krieg?» Isabel schaute ihre Mutter streng an. «Mama, ist sie nicht ein bisschen zu jung für Geschichten über den –»
    «Nein. Kein bisschen», sagte Josephine. «Für Geschichten über die eigene Familie ist es nie zu früh – auch wenn sie in Kriegszeiten stattfinden. Im Gegenteil, gerade wenn sie in Kriegszeiten stattfinden.» Sie lächelte Isabel zu. «Kommst du nicht zu spät zu deinem Tangokurs?»
    «Ja. Da hast du Glück.» Isabel schlang sich die Handtasche über die Schulter, gab Stella einen Abschiedskuss und ging. Stella kletterte wieder auf Josephines Schoß.
     
    Isabel Zwickel war als Kind in vielem gut: Sie konnte lesen, bevor sie vier war, und bis 33 zählen, bevor andere Kinder 1 – 2 – 3 sagen konnten. In der Küche war sie außerdem eine nützliche Köchin, die Zutaten genauestens maß und wog. Um nichts in der Welt aber konnte sie Noten lesen. Ihre Brüder Zack und Larry spielten Klavier wie ihr Vater, warum also nicht auch sie? Josephine und Artur taten ihr Bestes, um ihrer Tochter die Schönheit der Musik nahezubringen. Sie nahmen sie mit zu Konzerten in die Philharmonie. In der Nussknackersuite an der Deutschen Oper hatte sie einen Auftritt als Statistin. Einmal pro Woche gaben sie ihr Klavierunterricht, und da sie ein braves Kind war, bemühte sie sich redlich, wie ihre Brüder zu spielen. Aber von den Halben und Vierteln, den Pausenzeichen und Notenschlüsseln, die kreuz und quer und von oben nach unten über die Seite tanzten, wurde ihr ganz schwindelig. Und selbst wenn sie begriff, was die Noten ihr sagen wollten, taten ihre Finger nicht das, was sie sollten. Es war sehr frustrierend.
     
    In der Zwischenzeit starb auf der anderen Seite des Atlantiks Josephines Vater in New York. Seine Frau, die schöne, dunkelhaarige Channa aus St. Petersburg, begann zu trauern und hörte nie wieder damit auf. Einige Jahre später schließlich, 1976 , als Josephine und Isabel bei ihr zu Besuch waren, erlitt Channa einen Schlaganfall. Josephine war einkaufen, als es passierte, und Isabel, die erst elf war, rief sofort einen Krankenwagen – mit ihrem Schulenglisch wohl bemerkt! –, knöpfte ihrer Großmutter die Bluse am Hals auf, ließ sie tief Luft holen und breitete eine Decke über sie. Sie machte ihrer Großmutter gerade einen Eisbeutel, als der Krankenwagen kam. Als Josephine vom Supermarkt zurückkehrte, lag ihre Mutter schon in der Notaufnahme.
     
    Trotz Isabels praktischer Erste-Hilfe-Leistung starb ihre Großmutter Channa ein paar Tage später. Nach der Beerdigung sichteten Josephine und ihre Geschwister die Wohnung ihrer Mutter. Josephine fand die blaue Tischdecke aus Seidensatin in der chinesischen Vitrine. Sie roch nach Mottenkugeln, aber die Erinnerungen an ihre Kindheit durchfluteten augenblicklich ihr Herz. Sie dachte an das Kinderzimmer in Berlin, an die Art, wie das Sonnenlicht durch die blaue Seide schimmerte und wie Channa dasaß und ihr und Leah vorlas. Josephine erkannte sechs weiße Flecken von einer Flasche flüssiger Schuhcreme, die sie 1949 leichtsinnig über dem Tisch aufgehebelt hatte. Ihre Mutter war sehr böse auf sie gewesen. Sie drehte die zusammengelegte Tischdecke um und sah purpurrote Kleckse vom Pesachwein, 1952 . Sie schlug eine Falte zurück und versuchte sich zu erinnern, woher die leicht braunen Stellen stammten … ach ja, Cranberrysauce beim Thanksgiving-Essen 1959 .
    Als Josephine die Tischdecke auseinanderfaltete, fiel ein Zettel auf den Boden. Sie hob ihn auf. In der schönen gleichmäßigen Handschrift ihrer Mutter las sie: «Die ist für dich, Josephine, mein Herz. Du wirst wissen, was du damit anfängst – aber erst nachdem du diese grässlichen Schuhcremeflecken entfernt hast. Verstanden? In Liebe,

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